SCHWARZATAL RADROUTE – VON REICHENAU NACH WIENER NEUSTADT

Die rund 58 km lange Radtour zwischen Reichenau und Wiener Neustadt versetzt Euch in die Zeit der Jahrhundertwende zurück, als die Wiener Gesellschaft zur Erholung und Sommerfrische an die Rax fuhr.

Bahnhof Payerbach-Reichenau

Bahnhof Payerbach

Schöne Radpartien? Zum Beispiel Wiener Neustadt – Reichenau!

Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 1897

Arthur Schnitzler war ein begeisterter Velozipedist, der zahlreiche ausgedehnte Radtouren unternahm. Gekleidet nach der neuesten “Dreß-Ordnung” mit Sakko und Kniebundhose führten ihn seine Touren bis nach Reichenau an der Rax. Wir werden es dem berühmten Schriftsteller gleichtun, wählen aber die umgekehrte und gemütlichere Richtung. Zuerst geht es mit der Bahn von Wiener Neustadt nach Payerbach und anschließend mit dem Bicycle weiter zum Ausgangspunkt nach Reichenau.

Museumspark Payerbach

Bevor wir aber zum Ausgangspunkt nach Reichenau radeln, werfen wir noch einen Blick auf die historischen Fahrzeuge, die beim Bahnhof von Payerbach ausgestellt sind. Darunter eine Gondel der Raxseilbahn, die 1926 als erste Seilbahn Österreichs eröffnet wurde und eine Semmeringlokomotive der Reihe 95, die Vorspanndienste auf der Semmeringstrecke leistete.

Reichenau an der Rax

Am Hauptplatz von Reichenau

Reichenau an der Rax – Einst bevorzugte Sommerfrische der Wiener Gesellschaft zur Zeit des Fin de siècle. Adelige, das Großbürgertum und unzählige Künstler fanden sich im Nobelkurort der Donaumonarchie ein: Kaiser Franz Joseph und Sisi, die Schriftsteller Robert Musil, Heimito von Doderer, Franz Werfel, Peter Altenberg und Arthur Schnitzler, der “Vogeldoktor” Siegmund Freud, der Architekt Adolf Loos, sowie der Maler Oskar Kokoschka und die Muse Alma Mahler-Werfel.

Schloss Reichenau

Den Vormittag verbummel und verspazier’ ich, nur nach Tisch arbeite ich

Arthur Schnitzler

Reichenau ist voller Geschichten und Anekdoten. Sie handeln von heimlichen Tête-à-Têtes, Eifersuchtsdramen oder amourösen Skandalen. Arthur Schnitzler verliebte sich unsterblich in die schöne Hoteliersgattin Olga Waissnix. Täglich trafen sie sich beim Schachspiel, wo “beim Rücken der Figuren die Finger sich flüchtig berührten” und “dann ein Zittern durch ihre Glieder lief und die Wangen sich röteten”.

Pfarrkirche von Reichenau

Doch die Liebelei wurde von Olgas eifersüchtigem Mann rüde beendet. Schnitzler und seine Muse trafen sich jedoch bis zu Olgas frühen Tod in deren Villa in Bad Vöslau heimlich weiter. In Reichenau verfasste Schnitzler auch seinen “Leutnant Gustl” und das in einer Rekordzeit von nur sechs Tagen.

Die Villen von Reichenau

Während Siegmund Freud dreimal wöchentlich die Rax bestieg, verführte Alma Mahler-Werfel den wesentlich jüngeren Oskar Kokoschka in ihrer Villa am Kreuzberg. Es sollte nicht das einzige amouröse Abenteuer bleiben. Auch Franz Werfel und Gerhard Hauptmann sollen im Bett der verführerischen Femme Fatale gelandet sein. Die Frau von Friedrich Torberg beschrieb Alma einst mit den Worten “Sie war eine große Dame und gleichzeitig eine Kloake”. Dem ist nichts mehr hinzu zufügen.

Rudolfsvilla

Sehenswert bei einem kleinen Rundgang durch das Ortszentrum sind Schloss Reichenau, die spätklassizistischen Pfarrkirche und der Kurpark. In der Thalhofstraße 6 könnt ihr einen Blick auf die Rudolfsvilla erheischen. Namensgeber für die Villa war Kronprinz Rudolf, der hier mit seiner Schwester Gisela einige Sommer verbrachte.

Schloss Wartholz

Für diejenigen, die vor Beginn unserer Radtour noch eine Stärkung benötigen, sei das Café in der Schlossgärtnerei Wartholz empfohlen, welches sich im Park von Schloss Wartholz befindet. Das Schloss, nach Plänen des Architekten Heinrich von Ferstel errichtet, war einst Sommerresidenz von Kaiser Karl I und Kaiserin Zita. Hier erblickte auch Sohn Otto von Habsburg das Licht der Welt.

Schwarzatal-Viadukt

Schwarzatal-Viadukt

Jetzt wird es wirklich an der Zeit, dass wir losradeln. Den Weg entlang der Schwarza Richtung Payerbach kennt ihr ja bereits. Am Ortsbeginn von Payerbach erwartet uns ein Stück österreichischer Ingenieurkunst. Mächtig erheben sich die Bogen des Schwarzatal-Viadukts über uns, errichtet nach den Plänen von Carl Ritter von Ghega, dem Vater der Semmeringbahn. Für viele Zeitgenossen Ghegas war die Vorstellung, dass man mit einer Lokomotive den Semmering überquert ein utopisches Hirngespinst.

Am Schwarzatal Radweg

Ghega sollte seine Kritiker eines Besseren belehren. In einer Rekordbauzeit von nur sechs Jahren errichteten 20.000 Arbeiter die erste vollspurige Bergbahn Europas, die heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. 15, Tunnels, 16 Viadukte und 100 Brücken wurden auf der 41 km langen Strecke zwischen Gloggnitz und Mürzzuschlag errichtet.

Payerbach

Kurpark Payerbach

Gemütlich velozipedieren wir durch das Ortszentrum von Payerbach. So wie Reichenau entwickelte sich Payerbach nach der Eröffnung der Semmeringbahn zu einer beliebten Sommerfrische des Wiener Großbürgertums. Davon zeugt noch heute so manche historische Villa aus der Zeit der Jahrhundertwende.

Die Villen von Payerbach

Bei seinen ausgedehnten Radtouren führte Arthur Schnitzler stets eine “Bic-Peitsche” zur Vertreibung von Passanten und lästigen Hunden mit sich. Konflikte und Aggressionen zwischen Fußgängern, Kutschern, Automobilisten oder Radfahrern standen schon damals an der Tagesordnung.

Von Payerbach nach Gloggnitz

Am Schwarzatal Radweg

Steigungsfrei geht es entlang der Eisenbahngeleise durch die alpine Landschaft der Wiener Alpen.

Am Schwarzatal Radweg

Alte Industriebauten lösen die Villen aus der Jahrhundertwende entlang der Strecke ab. Wir nähern uns der alten Industriestadt Gloggnitz, die wir aber nur am Rande streifen.

Blick auf Gloggnitz

Viel Charme strahlt die Gemeinde jedoch am ersten Blick nicht gerade aus. In der Ferne ist der wuchtige Kirchturm der Christkönigskirche zu erkennen, die in den 1960er Jahren nach den Plänen des Architekten Clemens Holzmeister errichtet wurde. Ein weiterer markanter Punkt in der Stadtsilhouette ist Schloss Gloggnitz, welches gerne als Hochzeitslocation genutzt wird.

Immer der Schwarza entlang

Stuppacher Au

Ab Gloggnitz folgt der Radweg dem Verlauf der Schwarza. Wir durchqueren die Stuppacher Au und radeln weiter entlang des Schwarza-Damms.

Schwarzawasser, ich kannte jeden deiner Gurgellaute, dein Brausen, dein Lärmen, dein Schweigen!
Peter Altenberg

Am Petersberg

Nachdem wir Ternitz im wahrsten Sinne des Wortes links liegen gelassen haben, erreichen wir schon bald das Naturschutzgebiet Peterwald.Eine vernachlässigbare Hügelwertung führt uns auf das Plateau des Petersberges, wo einst die Burg Dunkelstein über Ternitz wachte.

Am Petersberg

Von der Festung sind heute nur mehr Spurenelemente übrig geblieben. An der Stelle der Burg steht heute die barocke St.-Peter-und-Paul-Kirche, deren Ursprünge bis ins tiefe Mittelalter zurückgehen. Ein idealer Ort für eine kurze Pause.

Am Petersberg

Gleich neben der Kirche erhebt sich am höchsten Punkt des Petersbergers das sogenannte “Heimkehrerkreuz”, welches Kriegsheimkehrer errichten ließen, die die Apokalypse des II. Weltkrieges überlebt hatten.

Am Petersberg

Apropos II. Weltkrieg: In den letzten Kriegsjahren wurde im Petersberg ein unterirdisches Stollensystem errichtet, wo man Teile und Rümpfe für das Jagdflugzeug Messerschmitt Bf 109 erzeugte. Nach Kriegsende wurden die Eingänge zur Stollenanlage gesprengt.

Vom Petersberg nach Neunkirchen

Stadtpark von Neunkirchen

Radeln wir weiter nach Neunkirchen, welches am Rande der weiten Ebene des Steinfeldes liegt. Der Schwarzatal-Radweg führt uns über den 1903 eröffneten Stadtpark direkt auf den stimmungsvollen Hauptplatz von Neunkirchen. Umsäumt mit Häusern aus dem 17. und 18. Jhdt wird dieser von zwei Gebäuden dominiert. Auf der einen Seite von der Stadtpfarrkirche und auf der anderen vom Rathaus mit seinen Sgraffiti an der Fassade.

Hauptplatz von Neunkirchen

Die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt wurde erstmals 1094 urkundlich erwähnt. Dem Gotteshaus verdankt der Ort auch seinen Namen. Dieser leitet sich nicht von der Zahl “Neun” ab, sondern aus der Bezeichnung “Bei der niuwen Kirchen”. Daraus entwickelte sich zuerst der Name “Neuenkirchen” und später “Neunkirchen”.

Hauptplatz von Neunkirchen

Werft bei Eurem Rundgang über den Hauptplatz auch einen Blick auf die hübsche Dreifaltigkeitssäule, die an schweren Cholera- und Pestepidemien in Neunkirchen erinnert.

Von Neunkirchen nach Pitten

Schwarzau am Steinfeld

Schwingen wir uns wieder auf den Drahtesel. Weiter geht es über Loipersbach nach Schwarzau, wo im ehemaligen Schloss ein Gefängnis untergebracht ist. Zu den prominenten Häftlingen der Justizanstalt zählte die Serienmörderin Elfriede Blauensteiner, die als “Schwarze Witwe” in die österreichische Kriminalgeschichte eingegangen ist.

Am Schwarzatal Radweg

Während der offizielle Schwarzatal-Radweg über Förenau nach Lanzenkirchen führt, unternehmen wir einen Schlenker über Pitten und Brunn an der Pitten.

Bergkirche in Pitten

Um Pitten zu erreichen radeln wir zuerst einen Hügel hinauf und anschließend gleich wieder hinunter. Vor uns ist schon die Bergkirche von Pitten zu sehen, die sich auf halber Höhe des Schlossbergs eng an den Felsen schmiegt.

Pitten - Rosengarten

Eben 2 Stunden Bicycle gefahren, ziemlich todt!

Arthuer Schnitzler an Richard Beer-Hofmann, 1893

Unser Ziel in Pitten ist der Pfarrhof, wo sich der zweitgrößte Rosengarten Niederösterreichs befindet. Besonders zwischen Mai und Oktober bieten tausende Rosen ein prachtvolles Farbenspiel.

Die letzte Etappe nach Wiener Neustadt

Schloss Linsberg

Unsere Radtour führt weiter durch Felder und Wiesen, vorbei am Schloss Linsberg, der Therme Linsberg Asia und einem aus Tiffany-Glas gestalteten Kreuzweg in Bad Erlach.

Am Schwarzatal Radweg

Nach den Orten Lanzenkirchen – hier endet übrigens die offizielle Schwarzatal-Radroute – und Katzelsdorf liegt Wiener Neustadt schon zum Greifen nahe.

Altes Rathaus von Wiener neustadt

Bevor es zum Ausgangspunkt am Bahnhof geht, drehen wir noch eine kleine Ehrenrunde um den Hauptplatz und werfe einen Blick auf das Alte Rathaus im klassizistischen Stil und die Mariensäule, die in Dankbarkeit für das Ende einer Pestepidemie errichtet wurde.

Dom von Wiener Neustadt

Der Babenberger Herzog Leopold V. gilt als Gründungsvater von Wiener Neustadt. Finanziert wurde der Bau der Stadt durch das Lösegeld, welches Leopold für den englischen König Richard Löwenherz erhalten hatte. Noch ein schneller Blick auf den Dom von Wiener Neustadt und dann geht es endgültig zum Bahnhof.

Fazit

Schöne und leichte Radtour entlang des Schwarzatal-Radwegs und des Thermenradwegs (EuroVelo 9) von Reichenau nach Wiener Neustadt. Das große Plus: Es geht stets leicht bergab! Sehenswert sind Reichenau, Neunkirchen und – falls man den Schlenker über Pitten macht – der Rosengarten im Pfarrhof von Pitten.

FOTOALBUM
Wir hoffen, dass wir Euch mit unseren Tipps zu einer Radtour von Reichenau nach Wiener Neustadt inspirieren konnten. Noch mehr Fotos zu dieser Radtour findet Ihr im Fotoalbum unter: Schwarzatal-Radweg

Streckenplan

Tourdaten

Radweg-Symbol: Grünes Schild mit Aufschrift “Schwarzatal-Radroute”

Schwierigkeit: leicht

Strecke: ca 58 km

Highlights dieser Tour:

  • Jahrhundertwende-Feeling in Reichenau und Payerbach
  • Hauptplatz von Neunkirchen
  • Petersberg
  • Rosengarten Pitten

Die Strecke ist sehr gut ausgeschildert. Beim Wechsel auf den Thermenradweg empfehlen sich die gps-Daten oder eine Karte.