ADOLF LOOS – EIN ARCHITEKTURSPARZIERGANG DURCH DIE WIENER MODERNE

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Kaum ein Architekt hat Wien so erfolgreich gegen sich aufgebracht wie Adolf Loos. Seine Gebäude galten vielen Zeitgenossen als Zumutung, seine Ideen als Affront gegen den guten Geschmack und seine Fassade am Michaelerplatz löste einen Skandal aus, der heute vermutlich wochenlang sämtliche asozialen Netzwerke beschäftigt hätte. Auf diesem Stadtspaziergang folgen wir den Spuren des Enfant terrible der Wiener Moderne – vom berühmten Looshaus am Michaelerplatz bis zu seinen Villen in Hietzing und der Werkbundsiedlung am Roten Berg. Alles, was Ihr für unsere Loos-Tour benötigt, sind bequeme Schuhe, ein Tagesticket der Wiener Linien und die Bereitschaft, Wien einmal aus einer etwas anderen Perspektive zu entdecken.

Das Looshaus Wien: Der größte Architekturskandal der Monarchie

Looshaus
Looshaus am Michaeleplatz

Beginnen wir unseren Architekturspaziergang am Michaelerplatz, wo sich das wohl berühmteste Werk von Adolf Loos erhebt. Das Looshaus, einst Firmensitz der exklusiven Herrenmodenfirma Goldman & Salatsch, gilt bis heute als eines der wichtigsten Bauwerke der Wiener Moderne.

Looshaus
Looshaus am Michaeleplatz

Als das Gebäude Anfang des 20. Jahrhunderts entstand, war Wien allerdings noch nicht bereit für derart radikale Architektur. Während sich ringsum historische Fassaden und verspielte Jugendstilornamente gegenseitig überboten, präsentierte Loos eine Fassade, die auf nahezu jeden Schmuck verzichtete. Die Empörung war so groß, dass die Bauarbeiten zeitweise gestoppt wurden. Für Loos waren Ornamente reine Verschwendung. Sein Credo lautete:

Ornamente sind vergeudete Arbeitskraft, vergeudetes Material und somit vergeudetes Kapital

Erst als er sich bereit erklärte, Blumenkästen anbringen zu lassen, durfte weitergebaut werden.

Looshaus
Blick von der Hofburg zum Michaelerplatz

Nach der Fertigstellung erhielt das Gebäude Spitznamen wie „Haus ohne Augenbrauen“ oder „überdimensionales Kanalgitter“. Kaiser Franz Joseph war von seinem neuen Nachbarn offenbar ebenfalls wenig begeistert. Der Legende soll der Kaiser für den Rest seines Lebens die Kutschenfahrt über den Michaelerplatz vermieden haben, damit er das „scheußliche“ Haus nicht sehen musste. Ob die Legende stimmt, ist egal – in Wien wird Geschichte ohnehin gerne so erzählt, dass sie besser klingt.

Café Central – zwischen Geist, Geschichte und Warteschlange

Cafe Central
Café Central – Einmal ohne Warteschlange

Wir folgen nun der Herrengasse bis zum Palais Ferstl. Dort befindet sich das legendäre Café Central. Hier traf sich einst die intellektuelle Elite Wiens: Literaten, Philosophen, Revolutionäre. Auch Adolf Loos war regelmäßiger Gast und diskutierte hier mit Persönlichkeiten wie Peter Altenberg und Karl Kraus. Damals wurde hier bei Kaffee und Cognac gedacht, gestritten und auch viel über die Vorzüge des weiblichen Geschlechts philosophiert.

Cafe Central
Café Central

Als Architekt war Adolf Loos ein Genie, doch seine Lust zur Provokation und seine pädophile Neigung machten ihn bis heute zu einer widersprüchlichen Figur. Loos führte ein ausschweifendes Leben. Er war dreimal verheiratet, hatte zahlreiche Affären und eine Schwäche für blutjunge Mädchen. Viele Intellektuelle der damaligen Zeit, wie Peter Altenberg, Oskar Kokoschka oder Egon Schiele, litten unter dem Lolita-Komplex und begeisterten sich für Kindfrauen. „Eine Frau ist immer zu alt, aber nie zu jung!“, pflegte Peter Altenberg stets zu sagen. Loos lud immer wieder junge Mädchen in sein Atelier ein, um sie in obszönen Stellungen zu porträtieren und sexuell zu bedrängen. 1928 stand er deshalb vor Gericht und wurde wegen Verführung Minderjähriger zu vier Monaten schweren Arrest auf Bewährung verurteilt.

Cafe Central
Fassade des Palais Ferstl

Und heute? Vor dem Café Central bilden sich regelmäßig Schlangen, die eher an einen neuen Street-Food-Hype erinnern als an ein traditionsreiches Kaffeehaus. Wo einst die geistige Elite Wiens diskutierte, warten heute Reisegruppen, Influencer und neugierige Tagesgäste geduldig auf ihren „authentischen Wien-Moment“. Karl Kraus hätte aus diesem Overtourism-Irrsinn vermutlich eine ganze bissige Kolumnenserie gemacht.

Die einstige Buchhandlung Manz

Buchhandlung Manz
Portal des Manz-Verlages

Spaziert nun wieder zurück zum Kohlmarkt Nr 16, wo sich einst die Traditionsbuchhandlung Manz befindet. Das auffällige Eingangsportal hat der 1870 in Brünn geborene Adolf Loos 1912 entworfen – und es ist bis heute erhalten geblieben. Wo einst Juristen ihre Fachliteratur kauften, hängen heute Kleidungsstücke im Regal. Loos gilt als Wegbereiter der modernen Architektur und energischer Gegner des Jugendstils. Statt ornamentaler Verzierungen verwendete er lieber edelste Materialien, um Luxus und Eleganz zu erzielen – und das Portal beweist es, auch wenn die Buchstaben längst gewechselt sind.

Modeatelier Kniže – Eine Zeitreise

Kniže & Comp
Modeatelier Kniže

Jetzt kleiden wir uns neu ein! Unser nächste Ziel ist das berühmte Modeatelier Kniže am Graben Nummer 13. Das Geschäftslokal des Wiener Traditionsbetriebs für Herrenmode wurde im Jahr 1910–1913 von Adolf Loos gestaltet und ist bis heute fast unverändert erhalten geblieben.

Kniže & Comp
Haus Graben Nr 13

Sämtliche Beleuchtungskörper, Ladenmöbel, Vitrinen und Einrichtungsgegenstände wurden von Loos entworfen. Vor allem Künstler waren in früherer Zeit Kunden bei Kniže. Oskar Kokoschka pflegte seine Anzüge mit Gemälden zu bezahlen, Marlene Dietrich ließ sich Fracks für ihre Bühnenshows schneidern und Willi Forst, Fritz Lang oder Kurt Tucholsky schauten auch gerne vorbei.

Loos-Bar – 26 Quadratmeter Weltklasse

American Bar - Loosbar
Loos-Bar

Lust auf einen Drink? Dann folgt uns zur Loos-Bar im Kärntner Durchgang Nr. 10, einer kleinen Seitengasse der Kärntner Straße. Die Bar gehört zu den frühen Werken des Architekten. Adolf Loos entwarf die Bar 1908, auch auf Grund seiner Erfahrungen im Zuge eines Aufenthalts in den USA in den späten 1890er Jahren. Der Innenraum der Bar ist nur 4,40 × 6,00 × 4,10 m groß. Spiegel geben dem Raum jedoch zusätzliche Tiefe. Loos hatte die außerordentliche Begabung raumsparende und zugleich großzügig wirkende Ergebnisse zu entwickeln.

Vom Karlsplatz nach Hietzing

Otto Wagner Pavillons am Karlsplatz

Wir spazieren nun weiter zur U4-Station am Karlsplatz. Bevor Ihr in die U-Bahn einsteigt, werft noch rasch einen Blick auf die ehemaligen Stadtbahn-Pavillons von Otto Wagner – ein Musterbeispiel des Jugendstils. Gold, Dekor, Ornament: Wien in seiner dekorativen Phase. Die Stadtbahn-Pavillons mit ihren reichen Verzierungen stehen in starkem Kontrast zum typischen „kühlen“ Baustil von Adolf Loos.

Hofpavillion Hietzing

Fahrt nun mit der U4 bis zur Station Hietzing, bewundert dort kurz den Hofpavillon Hietzing von Otto Wagner und nehmt dann die Straßenbahnlinie 60 bis zur Station Gloriettegasse. Unser Ziel sind drei typische Loos-Villen in einem der schönsten Bezirke der Stadt. Diese können jedoch leider nur von außen besichtigt werden.

Tipp

Falls Ihr mehr über die Jugendstilbauten von Otto Wagner erfahren möchtet, dann empfehlen wir Euch den Beitrag STADTSPAZIERGANG WIEN – DIE JUGENDSTIL BAUWERKE VON OTTO WAGNER

Drei Villen von Adolf Loos in Hietzing

Haus Scheu
Haus Scheu

Nur einen Katzensprung von der Straßenbahnstation entfernt, steht in der Larochegasse 3 das Haus Scheu. Die Villa ging als erstes Terrassenhaus Mitteleuropas in die Architekturgeschichte ein. Loos hatte das Haus für den befreundeten Rechtsanwalt Gustav Scheu geplant, der zu den Mitinitiatoren des Mieterschutzrechtes zählt. Seine Ehefrau unterhielt in der Villa einen Salon, in dem Alban Berg, Oskar Kokoschka und auch Adolf Loos ein- und ausgingen.

Tipp

Villa Beer

Gleich in der Nähe, in der Wenzgasse 12, befindet sich ein weiteres Architekturjuwel – zwar nicht von Loos, aber ein bedeutendes Beispiel der österreichischen Moderne: die Villa Beer. Die Villa wurde 1929/30 von Josef Frank und Oskar Wlach entworfen und gilt als eines der wichtigsten Wohnbauten der Wiener Moderne. Besonders bemerkenswert ist das offene Raumkonzept: Wohnräume, Treppen und Terrassen gehen fließend ineinander über und schaffen ein völlig neues Verständnis von Wohnen. Die Villa kann auch besichtigt werden Nähere Details unter Villa Beer

Haus Strasser
Haus Strasser

Geht nun Richtung Hügelpark und entdeckt in der Kupelwiesergasse 28 das Haus Strasser. Loos baute für den Wiener Fabrikanten Karl Strasser die 1896 errichtete Villa komplett um. Beim Innenumbau setzte der Architekt erstmals seinen neu entwickelten Raumplan um. Sein Raumkonzept basierte auf der Idee, dass die Raumhöhe von der Raumfunktion abhängig ist. So entstanden Räume, die auf verschiedenen Ebenen liegen und unterschiedliche Deckenhöhen haben.

Haus Steiner
Haus Steiner

Die letzte Villa, die wir Euch zeigen möchten ist das Haus Steiner in der St Veit Gasse 10. Geplant hat Adolf Loos das Einfamilienhaus mit dem auffälligen tonnenförmigen Dach im Jahre 1910 für Hugo und Lilly Steiner. Für den Architekturkritiker Friedrich Achleitner gehört das Haus Steiner zu den Schlüsselbauten der Moderne. Loos gelang es mit Hilfe des auffälligen Blechdaches die Höhenunterschiede des Grundstücks – eingeschossig auf der Straßenseite, drei Geschoße gartenseitig – zu überwinden.

Die Werkbundsiedlung – Musterkolonie von Zwergenhäusern

Werkbundsiedlung - André Lurçat
Die Werkbundsiedlung

Das letztes Ziel unseres Spaziergangs »Auf den Spuren von Adolf Loos« ist die Werkbundsiedlung. Diese erreicht ihr am besten mit dem Bus 53A. Über die St Veit Gasse, Beckgasse und Hummelgasse kommt ihr zur Hietzinger Haupstrasse. Gleich nach dem Bahnübergang befindet sich in der Spohrstrasse die Busstation. Mit dem 53A fahrt ihr bis zur Station Gobergasse. Vor Euch liegt nun eine „Mustersiedlung der Moderne“, die 1932 unter der Leitung des Architekten Josef Frank geplant wurde.

Werkbundsiedlung - Josef Hoffmann
Die Werkbundsiedlung

Josef Frank lud international renommierte Architekten wie Adolf Loos, Josef Hoffmann, Margarethe Schütte-Lihotzky oder Gerrit Rietveld, ein, ihre Visionen für den sozialen Wohnbau umzusetzen. Das Motto lautete „Die Häuser sollen das Wohnen als zentrale Tätigkeit des Menschen unterstützen“. Wir empfehlen Euch bei Eurem Rundgang durch die Werkbundsiedlung die Gratis-App mit Audio-Guide zu nutzen. Diese führt Euch zu den wichtigsten Bauten der Siedlung und liefert zusätzlich Hintergrundinfos und historische Bilder zu den einzelnen Objekten.

Werkbundsiedlung - Oswald Haerdtl
Die Werkbundsiedlung

Es entstanden Einfamilien- und Reihenhäuser mit Garten, die gemessen an heute üblichen Raum- und Wohnungsgrößen, sehr klein sind, aber durch hohe Funktionalität und einer erstaunlichen Geräumigkeit bestechen. Während das Projekt im Ausland auf viel Interesse stieß, verhöhnten Kritiker die Werkbundsiedlung als Musterkolonie von Zwergenhäusern.

Werbundsiedlung - Adolf Loos

Adolf Loos entwarf zwei Doppelhäuser für die Werkbundsiedlung, wobei es dem Architekten gelungen ist bei einer verbauten Fläche von nur 47 m² pro Haus ein Maximum an Wohnfläche von 93 m² zu schaffen. Kurz nach der Fertigstellung des Projekts starb Adolf Loos im Jahr 1933. Sein Ehrengrab befindet sich am Wiener Zentralfriedhof.

Vielleicht noch ein letzter Abstecher?

Grab von Egon Schiele

Hier endet nun unser Stadtspaziergang „Auf den Spuren von Adolf Loos“. Wer noch Zeit, Lust und Laune hat kann noch einen Abstecher auf den Friedhof von Ober St Veit unternehmen. Dort befindet sich das Grabmal von Egon Schiele, der neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne zählte. Ecke Jagdschlossgasse und Veitingergasse führt die Neukräftengasse direkt zum Friedhof (ca 500 m). Wir hoffen, dass Euch unsere Entdeckungstour durch Wien gefallen hat.

Fotoalbum

Wir hoffen, dass wir Euch mit unseren Tipps zu einem Spaziergang auf den Spuren von Adolf Loos inspirieren konnten. Noch mehr Fotos zu dieser Wanderung findet Ihr im Fotoalbum unter: Auf den Spuren von Adolf Loos

Hinweis: Erstfassung April 2020, umfassend aktualisiert und überarbeitet Juni 2026