Krems an der Donau ist eine Stadt, die man am besten zu Fuß entdeckt. Hinter jeder Ecke wartet ein schmales Gässchen, ein geschichtsträchtiger Innenhof oder ein prächtiges Bürgerhaus, das schon viele Generationen kommen und gehen gesehen hat. Seit der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 995 hat sich hier einiges verändert – nur eines nicht: Krems versteht es bis heute, seine Besucher in den Bann zu ziehen.
Gemeinsam mit dem benachbarten Stein bildet Krems das westliche Tor zur Wachau. Beide Stadtteile gehören seit dem Jahr 2000 zum UNESCO-Weltkulturerbe und verbinden auf beeindruckende Weise mittelalterliche Architektur, traditionsreichen Weinbau und modernes Leben.
Steiner Tor

Wer in Krems nur ein einziges Bauwerk fotografiert, dann vermutlich dieses. Das Steiner Tor ist so etwas wie die Visitenkarte der Stadt – und seit Jahrhunderten das Eingangstor für Händler, Reisende und heute eben auch für neugierige Touristen. Vielleicht ist hier auch Sänger Blondel vorbeigekommen, als er auf der Suche nach seinem König Richard Löwenherz war. Ganz sicher weiß man das nicht. Aber eine gute Legende ist in einem Reiseartikel genauso wichtig wie eine genaue Wegbeschreibung.

Tatsächlich ist das Steiner Tor weit mehr als nur ein beliebtes Fotomotiv. Es ist das letzte erhaltene Stadttor der mittelalterlichen Stadtbefestigung und über Jahrhunderte führte hier der wichtigste Zugang nach Krems. Wer aus Richtung Stein oder der Wachau kam, musste dieses Tor passieren. Der untere Teil des Bauwerks mit seinen beiden markanten Flankentürmen stammt noch aus dem späten Mittelalter. Der elegante barocke Turmaufsatz kam allerdings erst wesentlich später hinzu. Er entstand während der Regierungszeit Maria Theresias und verleiht dem ursprünglich wehrhaften Stadttor sein heutiges Erscheinungsbild.
Die Kremser Landstraße – Wo einst Händler und Bürger flanierten

Vom Steiner Tor führt unser Weg direkt in die Kremser Landstraße. Was heute gemütlich zum Flanieren einlädt, war über Jahrhunderte die wichtigste Verkehrsader der Stadt. Hier bewegten sich Händler, Handwerker und Reisende. Und wie es sich für eine belebte Handelsstraße gehört, vermutlich auch jene, die weniger handelten, sondern eher nahmen. Seit dem Mittelalter bildet die Landstraße die Hauptachse der Kremser Altstadt.

Während wir langsam durch die Landstraße schlendern, ertappen wir uns immer wieder dabei, einfach stehen zu bleiben. Nicht wegen eines bestimmten Gebäudes. Sondern weil hier beinahe jedes Haus aussieht, als hätte es mindestens drei Geschichten zu erzählen. Prächtige Bürgerhäuser säumen den Weg und erzählen von jener Zeit, als Krems durch Handel, Weinbau und die Lage an der Donau zu Wohlstand kam. Hinter so manchem Torbogen verstecken sich Innenhöfe, die man von außen kaum erwartet.
Das Rathaus – Bürgerstolz aus Stein gemeißelt

Ein besonders schönes Beispiel für den Wohlstand der Stadt ist das Rathaus am Pfarrplatz. Die Geschichte des heutigen Gebäudes reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Nachdem die Bürgerschaft von Krems das Grundstück 1452 übernommen hatte, dauerte es allerdings noch einige Jahrzehnte, bis der Wunsch nach einem eigenen Rathaus Wirklichkeit wurde. Auch im Mittelalter wusste man offenbar: Zwischen einem guten Plan und der tatsächlichen Umsetzung können manchmal ein paar Jahre liegen. Manche Dinge ändern sich eben nie. Besonders sehenswert ist der Renaissance-Erker an der Südwestecke des Gebäudes.
Die Mohrenapotheke – Ein Name mit 500 Jahren Geschichte

Nur wenige Schritte weiter befindet sich die Mohrenapotheke in der Oberen Landstraße. Die namensgebende Sandsteinfigur eines Mohren an der Hausecke erinnerte dabei an die lange Tradition orientalischer Heilkunst und den Handel mit Gewürzen und Arzneimitteln.
Anmerkung des Autors
Natürlich blieb auch die Kremser Mohrenapotheke von der heutigen Diskussion über historische Bezeichnungen nicht verschont. Immer wieder wird gefordert, solche Namen an heutige Maßstäbe anzupassen. Das kann man so sehen. Man kann aber auch die Frage stellen, ob historische Begriffe nicht zuerst erklärt werden sollten, bevor man sie aus dem Stadtbild verschwinden lässt.
Gerade alte Städte leben von den Spuren ihrer Vergangenheit. Dazu gehören prachtvolle Bürgerhäuser ebenso wie Namen, die aus einer anderen Zeit stammen und heute Fragen aufwerfen. Geschichte war selten bequem – und genau deshalb ist sie interessant. Wer jede Erinnerung an frühere Epochen entfernt, läuft Gefahr, am Ende zwar eine makellose, aber auch eine austauschbare Altstadt zu erhalten. Eine Stadt ohne Ecken und Kanten erzählt irgendwann auch keine Geschichten mehr.
Der Kremser Simandlbrunnen – Denkmal für einen Anti-Helden

Jetzt wird es typisch Kremserisch. Am Simandlbrunnen begegnen wir nämlich keinem großen Feldherrn, keinem berühmten Künstler und auch keinem Heiligen. Hier wird einem Mann ein Denkmal gesetzt, der vor allem eines war: ein Pechvogel in Eheangelegenheiten. Er erinnert an Simon Handl, kurz „Simandl“ genannt. Der Legende nach hatte ihn seine Frau derart im Griff, dass er zum Sinnbild des Pantoffelhelden wurde. Die Kremser Frauen sollen daran sogar solchen Gefallen gefunden haben, dass ein regelrechter Wettstreit entstand, wer den eigenen Ehemann besser unter Kontrolle hatte.

Irgendwann wurde es den geplagten Männern dann doch zu viel. Sie wandten sich hilfesuchend an den Stadtrat. Dessen Lösung war bemerkenswert pragmatisch: statt Eheberatung lieber Geschenke für die Frauen kaufen. So entstand der Legende nach die Simandl-Bruderschaft. Bis heute pilgern ihre Mitglieder jedes Jahr am 28. Oktober zum Simonimarkt – in der Hoffnung, dass Blumen und Geschenke manchmal günstiger sind als eine eheliche Auseinandersetzung.
Die Piaristenkirche – Hoch über den Dächern von Krems

Ein kurzer Anstieg führt hinauf zur Piaristenkirche. Von hier eröffnet sich einer der schönsten Ausblicke über die Dächer der Altstadt. Die Piaristenkirche ist die älteste Kirche von Krems und blickt auf eine über tausendjährige Geschichte zurück. Ursprünglich als Pfarrkirche St. Stephan erwähnt, wurde sie 1776 den Piaristen übergeben. Im Inneren beeindrucken bis heute die spätgotische Hallenkirche und die barocken Gemälde des Kremser Schmidt. Doch wie so oft ist es eine Legende, die den meisten im Gedächtnis bleibt.

Während des Dreißigjährigen Krieges beanspruchten die schwedischen Besatzer die Pfarrkirche St. Veit für ihre Gottesdienste, während die katholischen Kremser in der heutigen Piaristenkirche ihren Glauben ausübten. Das missfiel einem schwedischen Offizier derart, dass er aus Zorn einer Heiligenstatue mit seinem Schwert den Kopf abschlug. Wenige Tage später ritt derselbe Offizier beim Pulverturm vorbei, als ihn eine Kugel vom gegenüberliegenden Ufer der Krems traf und ihm den Kopf abriss.

Selbst die Schweden sollen darin die gerechte Strafe Gottes gesehen und weitere Schändungen katholischer Kirchen unterlassen haben. Ob sich die Geschichte tatsächlich so zugetragen hat, weiß heute niemand mehr. Dass sie sich bis heute erzählt wird, zeigt aber, wie eng sich in Krems Geschichte und Legende seit jeher die Hand reichen.
Der Dom der Wachau – Die Stadtpfarrkirche St. Veit

Über die überdachte Stiege, die von der Piaristenkirche hinunter zum Pfarrplatz führt, erreichen wir die Stadtpfarrkirche St. Veit. Vielen ist sie besser als „Dom der Wachau“ bekannt. Streng genommen ist sie zwar kein Dom im kirchenrechtlichen Sinn, doch aufgrund ihrer Größe, ihrer Geschichte und ihrer Bedeutung für die Region hat sich dieser Beiname längst eingebürgert.

Die Geschichte der Kirche reicht bis ins Jahr 1014 zurück, als Kaiser Heinrich II. sie erstmals urkundlich erwähnte. Als Mutterpfarre betreute sie einst ein weitläufiges Gebiet. Von diesem ersten Gotteshaus ist heute allerdings nur noch der romanische Unterbau des Turmes erhalten. Nach dem Verfall der mittelalterlichen Kirche entstand Anfang des 17. Jahrhunderts ein vollständiger Neubau – eine der ersten frühbarocken Kirchen nördlich der Alpen. Damit verabschiedete man sich von der filigranen Gotik und setzte auf einen neuen, großzügigen Baustil, der den Kirchenbau nachhaltig prägte.

Auch im Inneren begegnet man großen Namen der österreichischen Barockkunst. Der Passauer Bildhauer Joseph Matthias Götz schuf Hochaltar, Kanzel und Chorgestühl, während die eindrucksvollen Deckenfresken von Martin Johann Schmidt stammen – dem berühmten „Kremser Schmidt“, dessen Werke das Stadtbild bis heute an vielen Stellen prägen. Die Pfarrkirche St. Veit erzählt damit nicht nur über tausend Jahre Kremser Geschichte, sondern auch vom Wandel der Architektur und vom Selbstverständnis einer Stadt, die seit Jahrhunderten zu den wichtigsten Zentren an der Donau zählt.
Die Dominikanerkirche – Vom Kloster zur Kunst

Nur wenige Gehminuten weiter erreichen wir die ehemalige Dominikanerkirche. Sie wurde bereits im 13. Jahrhundert außerhalb der damaligen Stadtmauern errichtet und gehörte einst zu einem der bedeutendsten Klöster der Stadt. Nach der Aufhebung des Klosters unter Kaiser Joseph II. begann für das Gebäude ein erstaunlich wechselvolles Leben: Aus der Kirche wurden unter anderem Getreidespeicher, Stadttheater, Kino, Feuerwehrdepot und schließlich ein Museum. Heute dient der eindrucksvolle gotische Kirchenraum wieder der Kultur und wird für Ausstellungen genutzt.
Auf dem Weg nach Stein – von der Geschichte zur Kunst

Nach so viel mittelalterlicher Geschichte verlassen wir nun die Altstadt wieder durch das Steiner Tor und folgen der Donau Richtung Stein. Der Name des Stadtteils dürfte übrigens vielen Österreichern auch aus einem ganz anderen Zusammenhang bekannt sein. Wer früher hörte: „Der wandert nach Stein“, wusste sofort, dass damit kein gemütlicher Spaziergang entlang der Donau gemeint war. Die Justizanstalt Stein zählt bis heute zu den bekanntesten Gefängnissen Österreichs und steht seit Generationen als Synonym für längere Haftstrafen. Unser heutiger Weg führt zum Glück aber nicht hinter die Mauern, sondern vorbei daran – und weiter in einen der stimmungsvollsten Orte der Wachau.
Die Kunstmeile – Wo Krems plötzlich modern wird

Wer nach all den Kirchen, Bürgerhäusern und Legenden glaubt, Krems bestehe ausschließlich aus Geschichte, wird auf der Kunstmeile eines Besseren belehrt. Nur etwa 10 bis 15 Gehminuten von der Altstadt entfernt verändert sich das Bild der Stadt. Moderne Architektur, Museen und zeitgenössische Kunst setzen einen bewussten Kontrast zur historischen Altstadt.
Karikaturmuseum Krems

Den Anfang macht das Karikaturmuseum. Schon das Gebäude selbst fällt auf – schließlich stammt es vom Architekten und Karikaturisten Gustav Peichl. Als einziges Museum Österreichs widmet es sich ausschließlich Karikatur, Satire, Comic und Illustration. Werke von Manfred Deix, Gerhard Haderer oder Erich Sokol beweisen, dass ein gezeichneter Strich manchmal mehr Wahrheit enthalten kann als seitenlange Kommentare.
Landesgalerie Niederösterreich

Nur wenige Schritte weiter wartet bereits die Landesgalerie Niederösterreich. Schon von weitem zieht die Landesgalerie Niederösterreich die Blicke auf sich. Der markante Bau der Architekten Marte.Marte erinnert an eine Pyramide, die ein Pharao in Auftrag gegeben hat – allerdings einer, der seinem Architekten irgendwann gesagt hat: „Mach’s einfach modern.“ Im Inneren spannt sich der Bogen von mittelalterlicher Kunst bis zur Gegenwart. Wer möchte, sollte sich auch die Aussichtsterrasse nicht entgehen lassen. Von hier schweift der Blick über die Donau, das Stift Göttweig und die Dächer von Stein – ein Panorama, das beinahe ebenso beeindruckt wie die Ausstellungen selbst.
Stein an der Donau – Die ruhige Schwester von Krems

Von der Kunstmeile sind es nur wenige Schritte bis zum Stadttor von Stein. Obwohl beide Orte heute eine Stadt bilden, könnte der Unterschied kaum größer sein. Während Krems lebendig wirkt und Besucher durch die Landstraße flanieren, scheint Stein bewusst einen Gang zurückgeschaltet zu haben. Fast hat man das Gefühl, als würde hier die Zeit ein wenig langsamer vergehen. Dabei war Stein über Jahrhunderte eine eigenständige Stadt und ein bedeutender Handelsplatz an der Donau. Erst 1938 wurden Krems und Stein vereinigt. Vielleicht erklärt das bis heute den unterschiedlichen Charakter beider Stadtteile.
Die Steiner Landstraße – Charme mit Patina

Die Steiner Landstraße wirkt heute ganz anders als ihr lebhafter Nachbar in Krems. Viele kleine Geschäfte sind verschwunden, manche Auslagen wirken, als würden sie schon länger auf Kundschaft warten, und stellenweise hat man den Eindruck, die Straße habe ihre besten Zeiten bereits hinter sich.

Merkwürdigerweise macht genau das ihren Reiz aus. Stein versucht gar nicht erst, eine perfekte Kulisse zu sein. Der Stadtteil wirkt ehrlich, beinahe entschleunigt. Zwischen den alten Bürgerhäusern und den stillen Gassen lässt sich Geschichte entdecken, ohne dass an jeder Ecke ein Souvenirladen oder ein Straßencafé um Aufmerksamkeit buhlt. Während Krems erzählt, hört Stein lieber zu.
Pfarrkirche St. Nikolaus

Über allem erhebt sich die Pfarrkirche St. Nikolaus. Ihre Ursprünge reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück und der mächtige Turm prägt das Ortsbild bis heute. Im Inneren begegnen sich Gotik und Barock in einer bemerkenswert harmonischen Weise – ein kurzer Blick hinein lohnt sich allemal.
Frauenbergkirche – Der schönste Ausblick der Tour

Wer jetzt noch ein paar Höhenmeter machen möchte, sollte unbedingt den kurzen Anstieg zur Frauenbergkirche auf sich nehmen. Der Weg ist zwar steil, die Belohnung dafür umso größer.

Von hier eröffnet sich der wohl schönste Blick des gesamten Rundgangs. Unter einem liegen die Dächer von Stein, dahinter schlängelt sich die Donau durch die Wachau, gegenüber grüßt Mautern und am Horizont erhebt sich das Stift Göttweig. Spätestens hier versteht man, warum diese Kulturlandschaft seit dem Jahr 2000 zum UNESCO-Welterbe gehört.
Minoritenkirche

Zurück in der Altstadt lohnt sich noch ein Besuch der ehemaligen Minoritenkirche. Das bereits im 13. Jahrhundert gegründete Kloster dient heute als außergewöhnlicher Veranstaltungsort. Wo einst Mönche beteten, finden heute Konzerte, Ausstellungen und Kulturveranstaltungen statt. Ein schöneres Beispiel dafür, wie historische Gebäude eine neue Aufgabe finden können, gibt es kaum.
Fazit

Hier endet nun unser Spaziergang durch zwei Stadtteile, die unterschiedlicher kaum sein könnten und sich gerade deshalb perfekt ergänzen. Genau deshalb hat uns dieser Spaziergang so gut gefallen. Krems zeigt sich stolz, lebendig und manchmal fast ein wenig geschniegelt. Stein dagegen wirkt gelassener, stiller und so, als würde es sich von den großen Touristenströmen nicht aus der Ruhe bringen lassen. Beide könnten unterschiedlicher kaum sein – und genau deshalb gehören sie zusammen. Wer nur Krems besucht, sieht eine schöne Stadt. Wer auch nach Stein hinübergeht, versteht sie.
Hinweis
Wenn im Frühling die Marillenbäume der Wachau ihre zarten Blüten öffnen, beginnt eine der schönsten Radtouren des Jahres. Der Marillenblütenradweg führt durch blühende Gärten, idyllische Orte und die einzigartige Kulturlandschaft entlang der Donau.Weitere Informationen findest du unter AM MARILLENBLÜTENRADWEG DURCH DIE WACHAU
