
Die Altstadt von Rovinj in Istrien gehört zu den schönsten Orten an der kroatischen Adriaküste. Enge venezianische Gassen, bunte Fassaden, flatternde Wäscheleinen und die Kirche der Heiligen Euphemia machen einen Spaziergang durch Rovinj zu einer Reise zwischen Geschichte, Meerblick und mediterranem Flair.
Rovinj – eine venezianisch geprägte Stadt

Rovinj ist so eine Stadt, die nicht versucht, perfekt zu sein – und gerade deshalb perfekt wirkt. Die Altstadt liegt dicht gedrängt auf einer kleinen Halbinsel, die Häuser schmiegen sich aneinander, die Gassen werden plötzlich zu Treppen, dann wieder zu kleinen Plätzen, bevor sie irgendwo am Meer enden. Schon nach wenigen Minuten verliert man jede Orientierung. Aber genau darum geht es hier eigentlich.

Beim Spaziergang durch Rovinj läuft man über unregelmäßiges Kopfsteinpflaster, vorbei an venezianischen Fassaden, grünen Fensterläden und alten Türen, deren Farbe wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten langsam abblättert. Zwischen den Häusern hängen Wäscheleinen quer über die engen Gassen, Bettlaken und Hemden flattern im Wind.

Die Stadt wirkt erstaunlich venezianisch – nicht geschniegelt oder künstlich herausgeputzt, sondern echt. Und das kommt nicht von ungefähr. Rovinj gehörte ab 1283 zur Republik Venedig und erlebte in dieser Zeit eine lange Blütephase, selbst wenn die Stadt immer wieder Überfälle, Plünderungen und Verwüstungen überstehen musste. Später kamen Napoleon, die Habsburger, Italien, Jugoslawien und schließlich Kroatien.

Genau diese wechselvolle Geschichte hat das Stadtbild geprägt: romanisch-gotische Strukturen, dazu Renaissance, Barock und neoklassizistische Elemente – alles dicht übereinandergeschichtet, ohne dass es jemals geschniegelt wirkt. Diese Mischung aus Einflüssen sorgt dafür, dass Rovinj heute weniger wie ein geplantes Stadtbild wirkt, sondern eher wie ein über Jahrhunderte gewachsenes Geflecht aus Geschichten, Zeiten und Baustilen.

Ein Vergleich: Rovinj und Poreč

Im Unterschied zum strengeren, römisch geordneten Poreč wirkt Rovinj eher wie ein gewachsenes Labyrinth.
Durch das Labyrinth der Altstadt

Und während man sich weiter durch dieses steinerne Labyrinth bewegt, taucht sie irgendwann über den Dächern auf: die Kirche der heiligen Euphemia.

Sie überragt die Altstadt fast ein wenig einschüchternd und wirkt gleichzeitig wie ihr natürlicher Mittelpunkt. Die dreischiffige barocke Kirche wurde Anfang des 18. Jahrhunderts vom venezianischen Baumeister Giovanni Dozzi errichtet – auf den Grundmauern einer älteren Kirche. Drinnen befindet sich bis heute der Steinsarkophag der heiligen Euphemia, der Schutzpatronin von Rovinj und ganz Istriens.

Die Geschichte dahinter klingt wie etwas, das man sich in einer Hafenstadt am Abend erzählt: Euphemia war eine christliche Märtyrerin zur Zeit Kaiser Diokletians. Der Legende nach konnten selbst wilde Tiere ihr nichts anhaben, weshalb sie schließlich mit einem Dolch getötet wurde. Ihre Gebeine wurden später in Byzanz aufbewahrt und verschwanden während des Bildersturms. Im Jahr 800 soll der Sarkophag dann auf wundersame Weise an die Küste von Rovinj gespült worden sein. Angeblich konnte ihn niemand bewegen – bis ein kleiner Junge mit zwei Ochsen auftauchte. Seitdem gehört Euphemia zu Rovinj wie das Meer zur Stadt.
Der Campanile – und die vertikale Charakterprüfung

Direkt daneben steht der knapp 60 Meter hohe Campanile aus dem 17. Jahrhundert, dessen Vorbild unverkennbar in Venedig steht. Ganz oben dreht sich eine bronzene Statue der Heiligen im Wind und zeigt mit der rechten Hand die Windrichtung an. Ob das meteorologisch zuverlässig ist, lässt sich schwer beurteilen. In Rovinj wirkt selbst Aberglaube allerdings irgendwie architektonisch plausibel.

Wer den sehenswerten Blick vom Campanile erleben will, muss allerdings zuerst hinauf. Und genau dieser Weg beginnt direkt am Fuß des Turms – unscheinbar, aber mit ziemlich klarer Tendenz nach oben. Die Holzstufen knarren nicht symbolisch, sondern sehr konkret. Mit jedem Meter beginnt man plötzlich intensiv über Statik, Materialermüdung und das eigene Verhältnis zu Höhen nachzudenken. Trotzdem geht man weiter. Wahrscheinlich aus fotografischer Sturheit. Und dann steht man oben.
Rovinj als Miniaturwelt

Unter einem liegt Rovinj wie ein sorgfältig gebautes Modell: rote Dächer, enge Gassen, kleine Innenhöfe, der Hafen mit seinen Booten und dahinter die Adria. Erst von hier erkennt man richtig, wie organisch diese Stadt gewachsen ist – nicht geplant, sondern entstanden.
Zurück durch die Geschichte der Stadt

Unten verliert sich der Blick später wieder zwischen den Häusern. Vorbei an kleinen Konobas, offenen Fenstern und alten Mauern erreicht man irgendwann die Porta Balbi, das venezianische Stadttor von 1680 mit dem geflügelten Löwen der Republik Venedig.

Wenige Schritte weiter ragt der rötlich-gelbe Uhrturm – Torre dell’Orologio – empor, einst Teil der Stadtmauer und zeitweise sogar Gefängnis. Wobei das eigentlich interessant ist: dass man früher einfach Dinge gebaut hat, die mehrere Funktionen hatten, ohne dafür ein eigenes Konzeptpapier mit Workshop und Strategieprozess zu brauchen. Turm, Mauer, Gefängnis – fertig. Und genau das macht Rovinj so besonders: weniger als durchgeplantes Freilichtmuseum, eher als Stadt, die ihre Geschichte einfach behalten hat, ohne sie ständig neu zu erklären.

Mit allen Schichten. Allen Ecken. Allen kleinen Unvollkommenheiten. Und mit Wäsche, die irgendwo zwischen den Häusern im Wind flattert. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Rovinj hängen bleibt: Es gibt keinen einzelnen Moment, der alles erklärt. Nur viele kleine Eindrücke, die sich beim Gehen langsam zusammensetzen.
Warum Rovinj besonders ist?

Rovinj ist weniger eine Abfolge von Sehenswürdigkeiten als ein langer Spaziergang, der irgendwann von selbst langsamer wird. Man merkt gar nicht genau, wann aus Schauen einfach nur noch Gehen wird. Und vielleicht bleibt genau das: kein großes Finale, kein einzelnes Bild, das alles zusammenfasst – eher ein leiser Nachklang aus engen Gassen, warmem Stein und einem kurzen Blick aufs Meer, bevor man weiterzieht.
