VON LITSCHAU NACH TŘEBOŇ – DURCH DAS LAND DER 100 TEICHE

Auf nach Böhmisch-Kanada! Unter diesem Motto steht die gemütliche Radtour von Litschau in die Renaissance-Stadt Třeboň. Dichte Wälder und unzählige Teiche prägen diesen Ausflug über die Grenze. Ein Natur- und Kulturerlebnis der besonderen Art.

Litschau – Die nördlichste Stadt Österreichs

Schloss Litschau

Litschau ist Ausgangspunkt meiner heutigen Radtour durch das Land der 100 Teiche. Wahrzeichen der nördlichsten Stadt Österreichs ist Schloss Litschau mit seinem auffälligen Bergfried, der bis heute nur über eine Außenleiter zugänglich ist. Um den “Hungerturm”, wie der Bergfried im Volksmund bezeichnet wird, ranken sich zahlreiche Legenden.

Schloss Litschau

So soll der frühere Besitzer der Burg, der berüchtigte Wenzel Freiherr von Moratschky, zur Strafe für die blutige Unterdrückung des Waldviertler Bauernaufstandes von 1597 mit dem Kopf unter dem Arm am Turm herumspuken.

Stadtplatz von Litschau

Treffsicherheit bewies hingegen ein Burgfräulein während der Belagerung der Burg durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg. Sie schoss mit Pfeil und Bogen einem schwedischen General vom Hungerturm den Löffel aus der Hand. Mit den Worten “Wenn hier schon die Weiber so sicher im Schießen sind, wie sind dann erst die Männer”, gab der General die Belagerung der Burg auf und zog mit seinen Soldaten ab.

Bahnhof von Litschau

In Litschau gedeiht auch die nördlichste Weinrebe des Landes. Diese befindet sich beim Bahnhof und wurde bei dessen feierlichen Eröffnung im Jahr 1900 gepflanzt. In die Musikgeschichte ging Litschau als Geburtsort von Kaspar Schrammel ein. Gemeinsam mit seinen Söhnen gründete er das berühmte Schrammel-Quartett. Am Hauptplatz erinnert eine Gedenktafel an den berühmten Musiker.

Auf nach Böhmisch – Kanada!

Das alte Zollhaus in Schlag

Genug über Litschau. Zeit sich auf den Weg zu machen. Ich verlasse die Stadt Richtung Schlag. Nach einer kurzen Steigung rolle ich stetig bergab Richtung Grenze und erreiche schon bald das alte Zollhaus.

Grenze nach Tschechien

Gleich nach dem Grenzbalken befinde ich mich in “Kanada”. Genauer gesagt in “Böhmisch-Kanada”. Diesen Spitznamen verdankt die Region den ausgedehnten Wäldern und zahlreichen Teichen, die die Landschaft prägen.

Hejtman Teich

Ein Waldweg führt mich Richtung Chlum u Třeboňe. Der kleine Ort liegt am Teich Hejtman, der besonders bei Wassersportlern beliebt ist.

Chlum u Třeboňe

In der Ferne entdecke ich die barocke Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt. Bei der Planung der Kirche soll die Basilika von Mariazell dem Baumeister als Inspirationsvorlage gedient haben. Den Besuch des Ortes hebe ich mir jedoch für die Rückfahrt auf.

Von Chlum u Třeboňe (Chlumetz) nach Třeboň (Wittingau)

Einer der 100 Teiche in Böhmisch Kanada

Von Chlum u Třeboňe sind es rund 19 Kilometer bis Třeboň. Die Strecke ist flach, die Radlerdichte hoch. Man grüßt sich mit Ahoj! Das Radwegnetz auf der tschechischen Seite ist gut ausgebaut und beschildert. Die meiste Zeit radle ich abseits des Autoverkehrs auf Neben- und Forststraßen.

Radweg durch Böhmisch Kanada

Der Streckenbelag der Cyclotrasy ist unterschiedlich und reicht von Asphalt bis zu feinem Kies und löchrigen Betonplatten, die weniger angenehm zu befahren sind. Da die Platten nicht immer bündig verlegt sind und das Füllmaterial dazwischen ausgeschwemmt wurde, werde ich ordentlich durchgerüttelt.

Mausoleum der Familie Schwarzenberg

Kurz vor Třeboň am südlichen Ufer des Teiches Svět steht in einem englischen Landschaftsgarten das neugotische Mausoleum der Familie Schwarzenberg. 26 Familienmitglieder des berühmten Adelsgeschlechts fanden hier ihre letzte Ruhestätte.

Mausoleum der Familie Schwarzenberg

Nicht jedoch ihre Herzen, diese wurden in der St.-Veit-Kirche in Böhmisch-Krumau, dem heutigen Český Krumlov, bestattet. Die Schwarzenbergs spielten für viele Jahre eine bedeutende Rolle in der Geschichte Třeboňs.

Svět-Teich

Eine schöne und schattige Allee führt mich entlang des Teiches Svět ins historische Zentrum von Třeboň. Wobei der Begriff Teich durchaus untertrieben ist. Der Svět ist nämliche ein gutes Stück größer als die Alte Donau in Wien.

Brauerei Regent

Schon vom Teichufer sticht mir das markante Betriebsgebäude der Brauerei Regent ins Auge. Die Brauerei wurde 1379 erstmals urkundlich erwähnt und zählt somit zu den ältesten der Welt.

Stadtbesichtigung von Třeboň

Novohradská Stadttor

Um die Altstadt zu erkunden muss ich zuerst durch zwei Stadttore radeln. Von hier sind es nur wenige Pedaltritte bis zum Stadtplatz von Třeboň.

Stadtplatz von Třeboň

Ich bin beeindruckt! Den weitläufigen Stadtplatz umrahmen wunderschöne Bürgerhäuser mit Arkadengängen aus der Zeit der Renaissance und des Barocks.

Stadtplatz von Třeboň

Kein hässlicher Neubau des Realsozialismus zerstört die perfekte Harmonie des Platzes. Ein Giebelhaus ist schöner als das andere. Eine barocke Mariensäule und der Stadtbrunnen aus 1569 in der Mitte des Platzes runden das perfekte Bild ab.

Stadtplatz von Třeboň

Am besten überblickt man den langgezogenen Stadtplatz vom 31 Meter hohen Turm des alten Rathauses. Den Aufstieg und Ausblick dürft ihr auf keinen Fall versäumen.

Stadtplatz von Třeboň

Gegenüber vom alten Rathaus steht das vielleicht schönste, zumindest aber das auffälligste Bürgerhaus aus der Zeit der Renaissance. Der Giebel des Hauses “Zum weißen Pferdchen” erinnert mit seinen Zinnen und Scharten an die Form eines Schlüssels.

Arkadengang in Třeboň

Im 14 Jhdt erwarben die Herrn von Rosenberg die Herrschaft über Třeboň. Unter Wilhelm von Rosenberg erlebte die Stadt im 16. Jhdt seine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit.

Stadtplatz von Třeboň

Er entwickelte eine technisch perfekte Teichwirtschaft, die Třeboň zum Zentrum der südböhmischen Karpfenzucht machte. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Schloss Třeboň

Wilhelm von Rosenberg gab auch den Umbau des Stadtschlosses zu einer prachtvollen Renaissanceanlage in Auftrag. Es geht die Mär, dass im Schloss Třeboň von Zeit zu Zeit eine Weiße Frau erscheint.

Schloss Třeboň

Dabei handelt es sich um Perchta von Rosenberg, die ein unglückliches Leben an der Seite ihres Ehemannes Johann von Liechtenstein führen musste. Kurz bevor er starb, verfluche er die Unglückliche.

Schloss Třeboň

Seit 1476 muss nun die arme Perchta durch die ehemaligen Schlösser und Burgen der Rosenberger geistern. Erscheint Perchta dabei mit weißen Handschuhen, so steht ein freudiges Ereignis ins Haus. Bei schwarzen Handschuhen klopft der Sensenmann an der Tür, während rote vor einem Stadtbrand warnen sollen.

Schloss Třeboň

Nach dem Tod des letzten Rosenbergs und einem kurzen Intermezzo der Herren von Schwanberg, ging die Herrschaft über Třeboň im Jahr 1660 auf die Fürsten von Schwarzenberg über.

Hradecká Stadttor

Bis zu ihrer Enteignung durch die Kummerln (Kommunisten) im Jahr 1945 erwarben sich die Schwarzenbergs große Verdienste um die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt und den Wohlstand der Bevölkerung.

Ausflug zum Südböhmischen Meer

Statue im Goldenen Kanal

Nach einem kleinen Mittagsessen am Stadtplatz wird es Zeit sich wieder auf das Rad zu schwingen. Ich verlasse die Altstadt  durch das Hradecká Tor und radle entlang des “Goldenen Kanals”, der sämtliche großen Fischteiche rund um Třeboň miteinander verbindet. Dieser entstand zwischen 1506 und 1520 unter dem Rosenbergischen Oberfischmeister Štěpánek Netolický.

Rosenberg-Weiher

Mein nächstes Ziel ist der Rosenberg-Weiher. Er ist der größte Teich Böhmens und trägt den Spitznamen “Südböhmisches Meer”. Mit seiner Fläche von 4,89 km² ist er fast dreimal so groß, wie die Alte Donau in Wien.

Teichlandschaft Třeboňsko

Für die Planung des am Ende des 16. Jhdts angelegten Teiches zeichnete sich der Rosenberger Deichbauer Jakob Krčín von Jelčany verantwortlich. Für seine Errichtung mussten mehr als 800 Leibeigene 750.000 m³ Erdreich bewegen.

Teichlandschaft Třeboňsko

Der Radweg führt entlang der Dammkrone des Sees durch eine wunderschöne Baumallee. Wer Glück hat, sieht hier Fischreiher und Seeadler. Wer Pech hat, wird zumindest Zeuge eines springenden Fisches.

Baumallee

Ich radle immer tiefer in die künstliche Teichlandschaft Třeboňsko hinein. Stets von einem Teichdamm zum nächsten.

Marterl am Straßenrand

500 Teiche soll es rund um Třeboň geben. Ich habe sie nicht gezählt, kann es aber nicht ganz glauben. Mir kommen schon die 100 Teiche recht viel vor.

Kirche von Lutová

Bis kurz vor Lutová verläuft meine Tour durch Böhmisch Kanada ohne nennenswerte Steigungen. Ab nun wird die Strecke wieder hügeliger und es heißt kräftiger in die Pedale treten. Die Höhenmeter halten sich jedoch in Grenzen.

Thronfolger Franz Ferdinand und Schloss Chlumetz

Schloss Chlumetz

Schon bald erreiche ich wieder Chlum u Třeboňe, wo ich einen kurzen Spaziergang durch den verwilderten Schlosspark unternehme. Der Eingang in den Park ist gar nicht leicht zu finden, denn die offiziellen Tore waren alle verschlossen.

Schloss Chlumetz

Man betritt den Park quasi von der Maschekseite. Eine schmale Straße zweigt von der Hauptstraße (Husova/Tyršova) in einer 90 Grad Kurve zum Schloss ab.

Schloss Chlumetz

Schloss Chlumetz stand einst im Besitz von Erzherzog Franz Ferdinand, dessen Ermordung in Sarajevo im Juni 1914 den ersten Weltkrieg auslöste. Der Thronfolger hatte als Zwölfjähriger das im Jahr 1710 errichte Schloss und einen Grundbesitz von 90 km² geerbt.

Schloss Chlumetz

An Franz Ferdinand erinnert noch heute der an der Nordfassade abgebildete heilige Hubertus. Dessen Gesichtszüge weisen starke Ähnlichkeiten mit dem unglücklichen Thronfolger auf. Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie wurden die Kinder des ermordeten Thronfolger-Ehepaars enteignet und die Güter der staatlichen Verwaltung unterstellt.

Schloss Chlumetz

Nach einem kurzen Spaziergang durch den verwilderten Schlosspark mache ich mich auf den bereits bekannten Weg, der mich stetig bergauf zurück nach Schlag und Litschau führt.

Fazit

Eine wunderschöne Tour durch eine einzigartige Teichlandschaft. Ein besonderes Highlight ist der weitläufige Stadtplatz von Třeboň mit seinen wunderschönen Bürgerhäusern aus der Zeit der Renaissance und des Barocks. Die Strecke ist weitgehend flach und kann mit einem Tourenfahrrad sehr gut befahren werden. Einziger Wermutstropfen am Ende der Tour: Der lange Anstieg von der Grenze zurück nach Litschau.

Fotoalbum
Wir hoffen, dass wir Euch mit unseren Tipps zu einer Radtour durch Böhmisch-Kanada inspirieren konnten. Noch mehr Fotos zu dieser Radtour findet Ihr im Fotoalbum unter: Von Litschau nach Třeboň – Durch das Land der 100 Teiche

Streckenplan

Tourdaten

Radweg-Symbol: keines, die Radtour nutzt verschiedene lokale Radwege, wie den Schrammel-Radweg in Österreich, sowie die tschechischen Radwege mit den Nummern 1014, 122, 1034, 1035 und 1011

Schwierigkeit: leicht bis mittel, zwei längere Anstiege

Strecke: ca 68 km

Highlights der Strecke

  • Renaissance-Stadt Třeboň
  • Einzigartige Teich- und Seenlandschaft (UNESCO Naturschutzgebiet)
  • Schloss Chlumetz

Die Mitnahme einer Radwegkarte bzw der gps-Daten wird empfohlen!