DAMPFROSS & DRAHTESEL RADWEG – AUF DEN SPUREN DER STAMMERSDORFER LOKALBAHN

Der Name des Radweges verrät es schon. Heute dreht sich alles um das Thema Eisenbahn. Der »Dampfross & Drahtesel« – Radweg führt von Stammersdorf über Pillichsdorf ins Eisenbahnmuseum Strasshof. Über Deutsch Wagram und den Marchfeldkanal geht es zurück nach Wien.

Beginn des Dampfross & Drahtesel-Radwegs

Der Ausgangspunkt des »Dampfross & Drahtesel« Radwegs liegt bei der Endstation der Straßenbahnlinie 31 in Stammersdorf, wo eine kleine Diesellok den Beginn des Radwegs markiert. Was war das für ein Trara, als die 22 km lange Strecke zwischen Stammersdorf und Auersthal im Jahre 1903 eröffnet wurde.

Beginn des Dampfross & Drahtesel-Radwegs

An jeder Haltestelle wartete schon die jubelnde Bevölkerung auf den Eröffnungszug der Stammersdorfer Lokalbahn. Musikkapellen intornierten die Volkshymne, Politiker hielten feierliche Ansprachen und Schulmädchen überreichten den Festgästen Blumen. Fertig zur Abfahrt? Na, dann los! Begeben wir uns auf die Spuren des Eröffnungszuges.

Nächste Halt: Rendezvousberg

Am Rendezvousberg

Gleich am Beginn liegen 25 Promille Steigung vor uns. Es geht hinauf zum Rendezvousberg. Wie eine Dampflok schnaufen wir den Hügel hinauf. Der Anstieg ist nur von kurzer Dauer und der einzige auf dem gesamten Themenradweg. Der Name Rendezvousberg geht auf die Jagdleidenschaft der Habsburger zurück. Hier sammelte sich die kaiserliche Jagdgesellschaft vor und nach der Hofjagd.

Am Rendezvousberg

Oberhalb des Radwegs könnt ihr kurz vor der Landesgrenze einen von Gottfried Kumpf künstlerisch gestalteten Wasserbehälter sehen. Der kleine Umweg zum Wasserbehälter zahlt sich aus, denn von hier oben habt ihr einen wunderschönen Blick auf die Skyline von Wien.

Nächster Halt: Hagenbrunn

Eisenbahndenkmal Hagenbrunn

Hier erwartet uns das Kunstobjekt »Eisenbahnarchäologie«. Puffer, Kupplungen oder Räder ragen aus einem Schotterbett und sollen an eine Ausgrabungsstätte erinnern, die Geheimnisse einer längst vergangenen Epoche freigibt. Landpartien mit der Stammersdorfer Lokalbahn zum Heurigen in Hagenbrunn oder in die Kellergasse von Pillichsdorf erfreuten sich bereits kurz nach ihrer Eröffnung großer Beliebtheit.

Sonnenblumen

Da man nun von Wien bis in die »Bauerndörfer« fahren konnte, erhielt die Strecke schon bald den Spitznamen »Bauernbahn«. Die bäuerliche Bevölkerung nutzte die Bahn um die Wiener Märkte mit Milch, Obst, Gemüse, sowie Fleisch- und Wurstwaren zu versorgen.

Das weite Land

So richtig schön -im landschaftlichen Sinne- ist die flache Gegend hier nicht. Felder soweit das Auge reicht, dazwischen erheben sich unzählige Hochspannungsmasten aus der Ebene, die das Panorama dominieren.

Nächster Halt: Eibesbrunn

Alter Bahnhof von Eibesbrunn

Direkt vor dem ehemaligen Lokalbahnhofsgebäude Eibesbrunn befindet sich ein »Signalpark«, wo die Funktionen von den verschiedensten Eisenbahnsignalen erklärt werden. Eibesbrunn ist ein kleines Dorf an der einst wichtigen Brünner Straße. 1722 befahl Kaiser Karl VI den Bau von fünf Kaiserstraßen, die alle Teile der riesigen Monarchie mit dem Zentrum von Wien verbinden sollten.

Signalpark Eibesbrunn

Schon bald rumpelten Postkutschen und Transportfuhrwerke über die staubige Landstraße von Wien nach Brünn. Berühmt waren die unzähligen Kutschen mit Weinfässern, die den berüchtigten »Brünnerstrassler« nach Wien oder in das ferne St Petersburg in Russland transportierten.

Weintrauben

Der »Brünnerstrassler« war für Jahrzehnte ein Synonym für besonders saure und resche Weine. Böse Zungen meinten gar, dass man nach einem Doppler »Brünnerstrassler« einen Blindenhund brauchen würde. Na, dann Prost!

Waffenstillstand von Eibesbrunn

Am 22.7.1866 stand Eibesbrunn für einen Tag im Mittelpunkt des Weltgeschehens. Nach der schweren Niederlage bei Königgrätz im preußisch-österreichischer Krieg von 1866 rückten die Preußen in Niederösterreich ein. Durch Vermittlung des französischen Kaisers Napoleon III konnte jedoch in Eibesbrunn eine Waffenruhe ausverhandelt werden. Eine Gedenktafel an der Brünner Straße 1 erinnert an die Unterzeichnung des Waffenstillstandes.

Europasäule

Wir radeln weiter auf dem flachen und gut ausgeschilderten »Dampfross & Drahtesel« -Radweg Richtung Pillichsdorf. Kaum haben wir Eibesbrunn hinter uns gelassen, entdecken wir schon in der Ferne die »Europasäule«, die aus Eisenbahnrädern besteht und einen Dampflokschlot darstellen soll.

Abstecher nach Wolkersdorf

Schloss Wolkersdorf

Wer Lust und Laune hat, kann von hier einen Abstecher in das rund 3 km entfernte Wolkersdorf unternehmen. Der »Greenways-Radweg Prag-Wien« führt Euch direkt ins Zentrum zum Schloss Wolkersdorf, welches Napoleon im Jahr 1809 während der Schlacht bei Deusch-Wagram als seinen Hauptwohnsitz auserkor.

Felder soweit das Auge reicht

Von der »Europasäule« ist es nur mehr ein Katzensprung nach Pillichsdorf. Am Horizont seht ihr die Pfarrkirche von Großebersdorf, die weithin sichtbar auf einem Hügel thront.

Nächster Halt: Pillichsdorf

Der »Marchfelder Dom« von Pillichsdorf

Am Weg in das Zentrum von Pillichsdorf, werfen wir einen kurzen Blick auf die Skulptur »Lokfahrrad«. Interessanter ist jedoch die Pfarrkirche des Ortes, die wegen ihrer Größe gerne scherzhaft als »Marchfelder Dom« bezeichnet wird. Die Kirche zählt zu den ältesten und größten Sakralbauten der Region. Besonders auffällig ist der überproportionale hohe Chor. Der Großteil der Kirche stammt aus der Zeit der Romanik und Gotik.

Kellergasse von Pillichsdorf

Pillichsdorf besitzt nicht nur einen »Dom«, sondern auch eine der größten zusammenhängenden Kellergassen Österreichs. Schlösser, Klöster und Paläste findet man überall auf der Welt. Aber was sind diese Prachtbauten gegen eine idyllische Kellergasse im Weinviertel.

Kellergasse von Pillichsdorf

Rund 240 Keller befinden sich in der weitläufigen Pillichsdorfer Kellergasse. Hier trafen sich die »Köllamauna« um bei einem Glas Wein zu tratschen, zu politisieren oder gute »Deals« zu machen. Im Volksmund hießen diese Treffen die »Köllastund«. 

Nächster Halt: Großengersdorf

Alte Mühle von Großengersdorf

Wir verabschieden uns von Pillichsdorf und radeln weiter nach Großengersdorf. Der Radweg führt vorbei am Dorfmuseum, welches in der ehemaligen Dorfmühle untergebracht ist und um 1900 erbaut wurde.

Kirche von Großengersdorf

Auch in Großengersdorf können wir einen mächtigen Kirchenbau bewundern, welcher zum Großteil um 1900 neu errichtet wurde. Von der ursprünglichen Kirche blieb nur mehr der wuchtige Wehrturm aus dem 15. Jhdt erhalten.

Nächster Halt: Bockfließ

Kirche von Bockfließ

Für alle Radfahrer ist Bockfließ ein historischer Boden. Am 28. Mai 1899 erfolgte hier die Eröffnung des vom Wiener Bicycle-Club mitfinanzierten Radwegs Floridsdorf–Bockfließ. Mehr als 1.500 Radfahrer nahmen an der Eröffnungsfahrt teil. Entlang der Strecke jubelte die Bevölkerung den Velozipedisten stürmisch zu und Musikkapellen empfingen die Helden der Landstraße in jedem Ort mit flotten Weisen.

Kirche von Bockfließ

Zu den bekanntesten Radfahrern der damaligen Zeit zählte Arthur Schnitzler, der mit seinem Bicycle am Wochenende gerne das Umland von Wien erkundete. Die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach hingegen stand dem neuen Modesport »Radfahren« kritisch gegenüber. In ihrem Tagebuch vermerkt sie »Überall wimmelt es von Radfahrern! Auffallend ist, wie blödsinnig diese Menschen aussehen«.

Auf nach Strasshof

Erdölpumpen im Marchfeld

In Bockfließ verlassen wir nun die Strecke der ehemaligen Stammersdorfer Lokalbahn und radeln nun entlang endloser Felder Richtung Süden nach Strasshof zum Eisenbahnmuseum. Kurz nach Bockfließ tauchen die ersten Erdölpumpen auf, die wegen ihres Aussehens und ihrer Bewegung den Spitznamen »nickenden Pferdeköpfe« tragen.

Felder soweit das Auge reicht

In der Ferne drehen sich gigantische Windräder und versorgen die Bevölkerung mit Windenergie. Bis zu unserem nächsten Ziel, dem Eisenbahnmuseum in Strasshof, liegen 11 Kilometer. Schier endlos reiht sich Feld an Feld. Die Gegend ist flach wie eine Flunder und so kommen wir flott voran.

Sonnenblumen

Strasshof ist vermutlich das längste Straßendorf Österreichs und sicher kein Siegerkandidat bei der Wahl um das schönste Ortsbild. Ein Zentrum werdet ihr vergeblich suchen. Die Gefahr von Over-Tourismus besteht hier eher nicht. Bekanntheit erlangte Strasshof durch die Entführung von Natascha Kampusch, die hier fast achteinhalb Jahre lang im Keller eines Einfamilienhauses gefangen gehalten worden war, bis ihr 2006 die Flucht gelang.

Nächster Halt: Eisenbahnmuseum Strasshof – Das Heizhaus

Eisenbahnmuseum in Strasshof

Hier schlägt das Herz eines jeden Eisenbahnfans höher. Mehr als 400 Schienenfahrzeuge der Österreichischen Eisenbahngeschichte können im Eisenbahnmuseum Strasshof bestaunt werden. Die Sammlung umfasst Dampf-, Diesel- und Elektroloks aller Epochen.

Dampflokparade im Heizhaus

Im Heizhaus, wo noch heute der typische Geruch von Kohle und Öl in der Luft liegt, könnt ihr beispielsweise das alte Dampfross 30.33 entdecken. Dieses fuhr einst auf der Strecke der heutigen Wiener U-Bahnlinien U4 und U6. Oder die »310er«, deren Räder einen Durchmesser von mehr als zwei Meter haben.

Der Blaue Blitz

Auf dem weitläufigen Freigelände sind noch zahlreiche weitere Schienenfahrzeuge zu bewundern, wie der berühmte »Blaue Blitz«, der in den 50er Jahren Wien mit Venedig, Prag und Berlin verband.

Eisenbahnmuseum in Strasshof

Je weiter ihr Euch vom Heizhaus entfernt, desto mehr nagt der Zahn der Zeit an den Lokomotiven. Der Rost ist kaum zu übersehen. Blumen wachsen aus Eisenritzen, Kletterpflanzen und Büsche beginnen die hier abgestellten Lokomotiven zu verschlingen. Es scheint, dass dem Museum für die Restaurierung schlichtweg das Geld fehlt.

Alte Waggons der Wr Stadtbahn

Bei manchen Objekten wäre dringender Handlungsbedarf notwendig, denn die Waggons der Wiener Stadtbahn wirken jetzt schon ziemlich pittoresk.

Eisenbahnmuseum in Strasshof

Nach einer ausgiebigen Besichtigung ist es an der Zeit, dass wir uns wieder auf den Weg zu machen. Wir müssen rund 5 km den gleichen Weg zurückradeln, bevor wir unsere »Dampfross-Drahtesel«-Radtour Richtung Deutsch-Wagram fortsetzen können.

Mahnmal Strasshof

Kurz nach dem Bahnhof von Strasshof erinnert ein Mahnmal an die zahlreichen Opfer eines Arbeits– und Internierungslagers, welches die Nazis in den Jahren 1941-1945 in Strasshof errichtet hatten.

Mahnmal Strasshof

Zehntausende Menschen aus ganz Europa wurden hierher verschleppt und als Zwangsarbeiter in den Rüstungsbetrieben oder in der Landwirtschaft eingesetzt. Dazu kamen noch rund 20.000 ungarische Juden, die von Strasshof mit der Eisenbahn in die Vernichtungslager Bergen-Belsen oder Theresienstadt weitertransportiert wurden.

Nächster Halt: Deutsch-Wagram

Der alte Bahnhof von Deutsch-Wagram

Der »Dampfross-Drahtesel«-Radweg führt uns direkt zum Bahnhof von Deutsch-Wagram, wo am 23.11.1837 österreichische Eisenbahngeschichte geschrieben wurde. Mit Jubelgeschrei, Blasmusik und Freudenschüssen empfing die enthusiastische Bevölkerung den Eröffnungszug der Kaiser Ferdinands-Nordbahn aus Floridsdorf.

Dampflok Austria

26 Minuten hatte die Dampflok »Austria« mit acht Waggons und 164 Festgästen für die 14 km lange Strecke benötigt. Doch nicht allen gefiel diese technische Entwicklung. Ärzte warnten, dass man bei dem Tempo durch die vorbeirauschende Landschaft bewusstlos oder gar wahnsinnig werden könnte. Immerhin erreichte die »Austria« eine Geschwindigkeit von rund 30 km/h. Aber auch die Fuhrwerker fürchteten um ihr Geschäft.

Denkmal zur Erinnerung an die Schlacht bei Wagram

Genug der Eisenbahngeschichte, radeln wir weiter. Kurz bevor der »Dampfross & Drahtesel«-Radweg in den Marchfeldkanal-Radweg einmündet, sticht uns ein Heldendenkmal ins Auge, welches an die napoleonischen Kriege erinnert.

Denkmal zur Erinnerung an die Schlacht bei Wagram

Am 6.Juli 1809 erlitt Erzherzog Karl in der Schlacht bei (Deusch-)Wagram sein persönliches Waterloo, als die französischen Truppen die Österreicher vernichtend schlugen. Nur wenige Tage später wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Am 14. Oktober 1809 unterzeichnete Napoleon und Kaiser Franz I den Frieden von Schönbrunn, der für Österreich große Gebietsverluste und hohe Kriegsentschädigungszahlungen mit sich brachte.

Zurück nach Stammersdorf

Entlang des Marchfeldkanals

Die letzten 11 km des »Dampfross-Drahtesel«-Radwegs führen uns entlang des Marchfeldkanals direkt zum Ausgangspunkt unserer heutigen Tour zurück.Der Marchfeldkanal wurde gebaut, um die Wasserversorgung im Marchfeld zu sichern, welches als Kornkammer Österreichs und als Gemüselieferant Wiens gilt.

Heiligengruppe in Stammersdorf

Auf der flachen Schotterstrecke geht es flott dahin und schon bald erreichen wir wieder unseren Ausgangspunkt in Stammersdorf.

Autorenfazit

Gemütliche flache Radtour mit zahlreichen Informationstafeln über die Geschichte der Eisenbahn. Das Highlight dieser Tour ist sicherlich das Eisenbahnmuseum in Strasshof. Die landschaftlichen Reize sind jedoch enden wollend. Man muss schon genau hinsehen, wenn man die eine oder andere Perle entlang der Strecke entdecken will.

FOTOALBUM
Wir hoffen, dass wir Euch mit unseren Tipps zu einer Radtour auf den Spuren der alten Dampfrösser inspirieren konnten. Noch mehr Fotos zu dieser Radtour findet Ihr im Fotoalbum unter: Dampfross & Drahtesel Radtour

Streckenplan

Tourdaten

Radweg-Symbol: Weisses Schild mit Eisenbahnrad und der Aufschrift »Dampfross & Drahtesel«

Schwierigkeit: leicht

Strecke: ca 54 km

Highlights der Strecke:

  • Eisenbahnmuseum Strasshof – Das Heizhaus
  • Der Weinviertler Dom in Pillichsdorf
  • Kellergasse von Pillichsdorf

Der Weg ist sehr gut ausgeschildert. Trotzdem empfiehlt es sich zur Sicherheit eine Karte der Region mitzunehmen.