WANDERN WIEN – EINE AUSSICHTSREICHE WANDERUNG DURCH OBER ST VEIT

Vom Lainzer Tiergarten bis zur Werkbundsiedlung, vom Hörndlwald über das Faniteum bis zum Grab von Egon Schiele: Eine Wanderung durch Ober St Veit mit zahlreichen Ausblicken auf Wien, die sowohl Naturliebhabern als auch Kulturinteressierten eine Menge bietet.

Pfarrkirche Ober St Veit

»I hab halt a Faible für Ober St Veit«, heißt es in einem alten Heurigenlied. Wir wollen Euch heute die schönsten Plätze dieses Bezirkteils von Wien-Hietzing zeigen. Die Tour ist reich an kleinen Sehenswürdigkeiten, Naturschutzgebieten und tollen Ausblicken auf die Wiener Stadt. Unsere Wanderung startet beim »Stock im Weg«. Dieser Ausgangspunkt ist auch gut mit dem Bus (54A und 54B) von der U4 Station Ober St Veit zu erreichen. Zwei Ausflugslokale ganz in der in der Nähe laden zum Abschluss der Wanderung für eine Erfrischung ein. Genug der einführenden Worte, los gehts! Unser erstes Ziel ist der Ober St Veiter Friedhof.

Ober St Veiter Friedhof

Egon Schiele Grab

Friedhof Ober St Veit - Schiele Grab

In der Veitingergasse befindet sich der Eingang zum Ober St Veiter Friedhof. Hier haben Egon Schiele und seine Frau Edith ihre letzte Ruhestädte gefunden. Schiele zählte neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne. Das Leben von Egon und Edith endete tragisch. Das Ehepaar steckten sich im Herbst 1918 mit der berüchtigten Spanischen Grippe an. Edith, im sechsten Monat schwanger, erlag der Krankheit am 28. Oktober, ihr Mann starb nur drei Tage später mit 28 Jahren. Das Grab des berühmten Künstlers befindet nahe des Fridhofeingangs in der Gruppe B, Reihe 10, Nummer 15/16.  

Grabmal Rudolph Carl Slatin Pascha

Friedhof Ober St Veit

Die Lebensgeschichte von Rudolph Carl Slatin liest sich wie ein Hollywood-Drehbuch. 1857 in Ober St Veit geboren, bricht Slatin mit 17 Jahren die Schule ab und reist in den Nahen Osten. Sieben Jahre später – im Jahr 1881 – ernennen ihn die Engländer zum Gouverneur der Provinz Darfur im Sudan. Doch im selben Jahr bricht der Mahdi-Aufstand gegen die britische Herrschaft im Sudan aus. Die islamischen Rebellen unter der Führung des selbsternnanten Propheten Muhammad Ahmads erobern eine Provinz nach der anderen und errichten einen Gotteststaat.

Friedhof Ober St Veit

Slatin gerät in Gefangenschaft, muss dem Christentum abschwören und wird ein Sklave des Madhi. Erst 12 Jahre später gelingt ihm die Flucht. Nach seiner triumphalen Rückkehr nach Europa macht ihn Queen Victoria zu ihrem persönlicher Berater. Am Ende des Ersten Weltkriegs erinnert sich Kaiser Karl I an die guten Kontakte Slatins zur britischen Krone und beauftragt ihn mit geheime Friedensverhandlungen, die jedoch scheitern. Slatin stirbt 1932 in Wien. Sein Grab befindet sich in der Gruppe C, Reihe 7, Nummer 7.

Aussichts-Tipp

Ausblick vom Ober St Veiter Friedhof

Spaziert noch hinauf zu den mächtigen Gruften des Ober St Veiter Friedhofs. Von dort habt Ihr einen wunderschönen Ausblick in den Süden Wiens und auf die Wohnblöcke von Alt Erlaa.

Karmelitenkloster, Faniteum

Faniteum

Nächstes Ziel, das Faniteum am Ende der Gemeindeberggasse. Graf Karl Lanckoroński zählte zu den reichsten Persönlichkeiten  Österreich-Ungarns. Der Kunstsammler und Mäzen förderte zahlreiche Künstler, wie Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Hans Makart oder Auguste Rodin. Zwischen 1894 und 1896 ließ er das Faniteum als Mausoleum für seine zweite im Kindbett verstorbene Frau Fani errichten.

Faniteum

Dummerweise hatte der Graf jedoch die strengen Wiener Begräbnisvorschriften nicht bedacht, die damals ein derartiges Privatmausoleum verboten. So fand Fani schlussendlich ihre letzte Ruhestätte auf dem Hietzinger Friedhof. Heute dient das Faniteum den Karmelitinnen als Kloster. Vom Faniteum sind es nur ein paar Schritte bis zum Eingang in den Lainzer Tiergarten.

Lainzer Tiergarten

Hermesvilla

Hermesvilla

Durch das Ober St Veiter Tor betreten wir den Lainzer Tiergarten, der einst kaiserliches Jagdrevier und Rückzugsort von Kaiserin Sisi war. Nach rund einem Kilometer erreichen wir die Hermesvilla, die einst Rückzugsort von Kaiserin Sisi war. Der Name der Villa leitet sich von der im Garten stehenden Statue des griechischen Götterboten Hermes ab. Kaiser Franz Joseph ließ die Hermesvilla nach Plänen des Architekten Carl von Hasenauer errichten und machte diese der reiselustigen Sisi zum Geschenk. Er hoffte damit, Sisi mehr an Wien zu binden.

Hermesvilla

Denn die Kaiserin war stets auf der Flucht – vor dem strengen Zeremoniell am Wiener Hof, den Regeln der Etikett oder vor Franz Joseph selbst. Doch der schwülstige Geschmack des Gatten harmonierte so gar nicht mit dem der Gattin. Einzig das Turnzimmer mit Hanteln, Reck und Ringen bereitete ihr eine gewisse Freude. Denn die Kaiserin litt unter einem massiven Schlankheits- und Fitnesswahn. Spötter beschrieben sie despektierlich als Hungerhaken. Kein Wunder, da Sisi bei einer Größe von 1,72 Metern nur knappe 50 Kilogramm wog.

Natur- und Kulturlehrpfad

Lainzer Tiergarten

Folgt nun dem Naturlehrpfad Richtung Lainzer Tor. Im unteren Abschnitt wird der Naturlehrpfad von »Kultur-Bäumchen« gesäumt. Jeder dieser Bäume steht für einen Künstler mit Bezug zu Hietzing – von Johann Strauss, Egon Schiele, Josef Hoffmann bis zu Gustav Klimt – quasi Hietzings Antwort auf den Walk of Fame. Vorbei am Dammhirsch- und Mufflongehege geht es weiter Richtung Lainzer Tor, wo wir den Lainzer Tiergarten verlassen. Unser nächstes Ziel ist das Naherholungsgebiet Hörndlwald.

Hörndlwald

Wohnprojekt Friedensstadt

Der Hörndlwald ist nur einen Katzensprung vom Lainzer Tor entfernt. Kein Wunder, war doch der Hörndlwald bis in die 1920er Teil des Lainzer Tiergartens. Mit der Errichtung der »Friedensstadt« wurde er vom Lainzer Tiergarten abgetrennt und zählt heute zu den beliebtesten Naherholungsgebieten in Hietzing. Die »Friedensstadt« entstand im Herbst 1920. Obdachlose Kriegsinvalide nahmen ihr Schicksal selbst in die Hand und besetzten diesen Bereich des Lainzer Tiergartens  um von der Gemeinde die Genehmigung zur Errichtung einer Siedlung zu erpressen. Kein Jahr später wurde die Errichtung einer Siedlung genehmigt.

Blick auf Wien
 Der Name “Hörndlwald” soll auf die zahlreichen Reh- und Hirschgeweih-Funde zurückgehen, die früher ein begehrter Rohstoff für die Knopferzeugung waren. Wir spazieren nun durch den Hörndlwald Richtung Joseph-Lister-Gasse, wo uns ein wunderschöner Panoramablick auf Wien erwartet.

Werkbundsiedlung

Werkbundsiedlung - André Lurçat

Nach so viel Natur widmen wir uns jetzt der Architektur. Die Gobergasse führt uns direkt zur Werkbundsiedlung, die als »Mustersiedlung der Moderne« unter der Leitung des Architekten Josef Frank im Jahr 1932 errichtet wurde. Josef Frank lud international renommierte Architekten wie Adolf Loos, Josef Hoffmann, Margarethe Schütte-Lihotzky oder Gerrit Rietveld, ein, ihre Visionen für den sozialen Wohnbau umzusetzen. Das Motto lautete »Die Häuser sollen das Wohnen als zentrale Tätigkeit des Menschen unterstützen«.

Werkbundsiedlung - Oswald Haerdtl

Es entstanden Einfamilien- und Reihenhäuser mit Garten, die gemessen an heute üblichen Raum- und Wohnungsgrößen, sehr klein sind, aber durch hohe Funktionalität und einer erstaunlichen Geräumigkeit bestechen. Während das Projekt im Ausland auf viel Interesse stieß, verhöhnten Kritiker die Werkbundsiedlung als Musterkolonie von Zwergenhäusern.

Werbundsiedlung - Adolf Loos

Sehenswert sind zB die zwei Doppelhäuser in der Woinovichgasse 13-19, die von Adolf Los entworfen wurden. Dem Architekten war es gelungen bei einer verbauten Fläche von nur 47 m² pro Haus ein Maximum an Wohnfläche von 93 m² zu schaffen. Architekturfans sollten auch nicht die Josef Hoffmann – Häuser in der Veitingergasse 79 – 85 versäumen.

Tipp für Architekturbegeisterte
Ladet Euch für den Rundgang durch die Werkbundsiedlung die Gratis-App mit Audio-Guide herunter (Stichwort: Werkbundsiedlung Wien). Die App führt Euch zu den wichtigsten Bauten der Siedlung und liefert zusätzlich Hintergrundinfos und historische Bilder zu den einzelnen Objekten.

Roter Berg

Am Roten Berg

Der Rote Berg verdankt seinen Namen nicht den zahlreichen Gemeindebauten, die hier Anfang der 1950er Jahre errichtet wurden, sondern der roten Erde, die einen hohen Anteil an Eisenoxid aufweist. Auch vom Roten Berg habt ihr einen wunderschönen Blick auf den Westen von Wien. Unübersehbar, die berühmte Otto Wagner Kirche mit ihrer glänzenden Kuppel auf den Steinhofgründen.

Am Roten Berg

Wir folgen dem Heinz Nittel Weg bergab, der nach einem SPÖ-Stadtrat benannt ist, welcher am 1. Mai 1981 bei einem feigen muslimischen Terroranschlag ums Leben kam. Sein Vergehen: Er war Präsident der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft und Mitbegründer des Jewish Welcome Service Vienna. Die selben Attentäter verübten im August 1981 einen blutigen Terroranschlag auf den Wiener Stadttempel. Die traurige Bilanz:  Zwei Tote und 21 teils Schwerverletzte. Vorbei an einer Gedenktafel zur Erinnerung an Heinz Nittel spazieren wir die Nothartgasse entlang, deren Ende uns zu einem Wiesenpfad Richtung Hietzinger Hauptstraße führt.

Casino Ober St Veit

Casino Ober St Veit

Unser nächstes Ziel ist der Wolfrathplatz. Doch davor werfen wir noch schnell einen Blick auf eine Gedenktafel, die sich am Haus Hietzinger Hauptstraße 141 befindet. Sie erinnert an das Casino Ober St Veit und Wilhelm August Jurek, der hier im Jahr 1893 erstmals den berühmten »Deutschmeister – Regimentsmarsch« erklingen ließ. Gerüchteweise fiel Korporal Jurek die Melodie beim rhythmischen Stempeln der Urlaubsscheine seiner Regimentskameraden ein. Also meine Herrschaften, auf geht’s, »Mir san vom k und k Infanterie-Regiment Hoch- und Deutschmeister Nummero Vier …!«

Ober St Veiter Kirche

Pfarrkirche Ober St Veit

Wehrhaft und umgeben von einer gotischen Stützmauer blickt am Ende der Hietzinger Hauptstraße die Ober-St.-Veiter Kirche auf uns herab. Mehrmals durch die Türkenkriege zerstört, verdankt das Gotteshaus sein heutiges barockes Aussehen dem Baumeister Mathias Gerl. Rund um die Kirche befand sich auch einst der älteste St Veiter Friedhof. Viel blieb davon nicht erhalten.

Pfarrkirche Ober St Veit

Nur ein in der Kirchenwand eingemauerte Grabstein der 1652 verstorbenen Bäckermeisterin Katharina Lindemayer. Ihre Bäckerei befand sich übrigens in der Hietzinger Hauptstraße 147.

Ober St Veiter Schloss

Schloss Ober St Veit

Gleich neben der Kirche befindet sich der Eingang zum Schloss Ober St.Veit, welches bereits 1394 erwähnt wurde. Das mächtige Schloss, das noch heute im Besitz der Erzdiözese steht, diente für Jahrhunderte als Sommerfrische der Wiener Bischöfe. Für kurze Zeit war das Schloss im Besitz von Kaiserin Maria Theresia, die den bekannten Maler Johann Bergl mit der künstlerische Ausgestaltung einiger Räumlichkeiten mit paradiesischen Gartenlandschaft beauftragte. Heute wird das Schloss als Ausbildungsstätte für kirchliche Berufe genützt.

Franz Schmidt Park

Franz Schmidt Park

Über die Vitusgasse, Erzbischofgasse und Schweizertalstraße erreichen wir den Franz Schmidt Park in der Ghelengasse. Nur wenige wissen, dass der unter der Erde des Beserlparks 200 Opfer des Schwarzen Todes begraben liegen, welcher Ober St Veit im Jahr 1713 heimgesucht hatte. Von hier ist es nur mehr ein Steinwurf zurück zu unserem Ausgangspunkt.

Die Belohnung

Nach dieser – hoffentlich kurzweiligen und abwechslungsreichen Wanderung im Westen von Wien habt ihr Euch eine Belohnung verdient. Dazu laden zwei Ausflugsgasthäuser ein, »Der Lindwurm« in der Ghelengasse 44 und »Die Wildsau« in der Slatingasse 22 an.

Wir hoffen, Ihr habt nun auch Euer »Faible für Ober St Veit« entdeckt und unsere Tour durch den Hietzinger Bezirksteil ist auf Euer geschätztes Interesse gestoßen. Wir wünschen Euch viel Spass beim »Nachwandern«.

Die Strecke

Stock im Weg > Josef Kraft Weg > Ober St Veiter Friedhof > Gemeindeberggasse > Hanschweg > Karmeliterkloster > Lainzer Tiergarten (Ober St Veiter Tor) > Hermesvilla > Natur- und Kulturlehrpfad > Lainzer Tor > Hermesstraße > Friedrich Kostelnik Weg > Jenbachgasse > Hörndlwaldgasse > Hörndlwald …. > Gobergasse > Jagdschlossgasse > Woinovichgasse > Veitinger Gasse > Heinz Nittel Weg > Roter Berg > Nothartgasse > Roter Berg > Trazberggasse > Costenoblegasse > Hietzinger Hauptstraße > Wolfrathplatz > Vitusgasse > Erzbischofgasse > Schweizertalstraße > Ghelengasse > Stock im Weg.

Distanz: rund 9 km, ca 11.000 Schritte

Die Tour kann an jeder beliebigen Stelle begonnen und beendet werden.