HISTORISCHE STRASSENBAHNPARADE AUF DER RINGSTRASSE

Vor genau 150 Jahren, am 4. Oktober 1865, fuhr erstmals eine Pferdetramway durch die Straßen Wiens. Dieses Jubiläum wurde mit einer großen Straßenbahnparade am Ring gefeiert.

Der Kaiser und der technische Fortschritt

Kaiser Franz Joseph war bekanntlich kein Mann des Fortschritts. Dies belegt auch ein Zitat über seine einzige Ausfahrt mit einem Automobil.

G´stunken hat´s und g´sehn hat man a nix!

Kaiser Franz Joseph bei seiner ersten Ausfahrt mit einem Automobil gemeinsam mit dem englischen König

Trotzdem erteilte er vor 150 Jahren seine allerhöchste Erlaubnis zum Bau einer Straßenbahnlinie. Aus Anlass dieses Jubiläums fand auf der Ringstraße eine große Straßenbahnparade mit rund 50 historischen Fahrzeugen statt.

Glöckerlbahn, Bauernbahn und die Elektrische

Bereits am 4. Oktober 1865 wurde die erste Pferdetramwaystrecke eröffnet. Diese führte vom Schottentor über die Alser Straße nach Hernals. Die Wiener gaben ihr schon bald den Spitznamen “Glöckerlbahn”, weil am Zaumzeug der Pferde Glöckchen angebracht waren. Diese waren schon von weitem zu hören und dienten als Warnsignal für die übrigen Verkehrsteilnehmer.

Alte Glöckerlbahn, an diʹ denk iʹ no dann und wann!

Titel eines Wienerliedes von F. P. Friedrich und F. J. Heller

1883 konnte man schon eine Landpartie mit der Dampftramway von Hietzing über Lainz, Mauer und Rodaun nach Perchtoldsdorf unternehmen. Drei Jahre später wurde die Linie Augartenbrücke – Floridsdorf – Stammersdorf eröffnet. Da man nun von der Stadtmitte bis in die “Bauerndörfer” fahren konnte, erhielt diese Linie den Spitznamen “Bauernbahn”. Es geht nichts über den Wiener Charme. 

“Fahr´ ma mit der Elektrischen zum Raimundtheater”

Am 27. Jänner 1897 war es dann soweit. An diesem Tag fuhr erstmals eine “Elektrische” von der Remise in der Vorgartenstrasse über Praterstern, Nussdorfer Strasse und Skodagasse zum Raimundtheater.

Die Elektrische jagte dahin und der Bart des Wagenführers flog im Winterwinde!

Ein Zeitzeuge

Natürlich erregte die erste Fahrt der Elektrischen große Aufmerksamkeit. Angelockt durch Glockensignale, strömten von allen Seiten Neugierige herbei. Die Wiener waren begeistert von “ihrer” Elektrischen – nie mehr stinkende Rossknödel oder rauchende und rußende Dampfloks. Nachdem die Waggons elektrisch beleuchtet waren, konnte man sogar bei Dunkelheit noch Zeitung lesen.

Die Waggons der elektrischen Straßenbahn wurden an den Haltestellen förmlich gestürmt. Jeder wollte dabei sein. Nach jedem Halt gab der Conducteur mit einer Trompete das Signal zur Weiterfahrt, wie die “Neue Freie Presse” vom 27.1.1897 berichtete. Nichts zu lachen, hatten anfangs die Fahrer der Elektrischen. Sie standen ungeschützt auf den offenen Plattformen und waren Wind und Wetter ausgesetzt. Erst ab 1910 schaffte man neue Triebwagen mit geschlossenen Plattformen an bzw begann man die offenen Plattformen zu verglasen.

Ganze 45 Minuten dauerte die Fahrt mit der Elektrischen vom Prater bis zum Raimundtheater. Diese war damit um fünfzehn Minuten schneller als die Pferdetram.

 Des Kaisers allerhöchster Wille

Die Errichtung der Ringstraße mit ihren zahlreichen historischen Bauwerken verdanken wir bekanntlich Kaiser Franz Joseph. Und er war sehr stolz auf seinen neuen schönen Prachtboulevard. Daher war es auch sein allerhöchster Wille, dass die Schönheit des Ringes optisch nicht durch eine Straßenbahnoberleitung verschandelt werden dürfe. Und so musste man bei den hier verkehrenden Straßenbahnlinien eine störungsanfällige unterirdische Stromschiene verwenden. Erst 1915 wurde auch auf der Ringstraße die übliche Oberleitung montiert. Also quasi noch ein Jubiläum im Jahr 2015.