Der Muskateller Radweg führt uns durch eine besonders abwechslungsreiche Ecke des Weinviertels. Auf rund 63 Kilometern radeln wir vom Museumsdorf Niedersulz über geschichtsträchtige Orte, vorbei an Schlössern, Kellergassen und weiten Feldern bis nach Zistersdorf. Dabei entdecken wir nicht nur eine ruhige Landschaft, sondern auch spannende Geschichten – von der legendären Schlacht bei Dürnkrut und Jedenspeigen bis zu den Erdölfeldern rund um Zistersdorf.
Entlang des Sulzbaches

Obersulz im nordöstlichen Weinviertel ist der Ausgangspunkt unserer heutigen Radtour. Vor uns liegen rund 63 Kilometer auf dem Muskateller Radweg – eine Tour, die zeigt, dass das Weinviertel weit mehr ist als sanfte Hügel und endlose Felder. Unterwegs warten historische Schauplätze, gemütliche Kellergassen und so manche Überraschung am Wegesrand. Das nur knapp zwei Kilometer entfernte Museumsdorf Niedersulz heben wir uns allerdings für den Schluss auf. Denn für diesen besonderen Ausflug in die Vergangenheit wollen wir uns ausreichend Zeit nehmen.

Von Niedersulz folgen wir dem Muskateller Radweg zunächst entlang des Sulzbaches Richtung March. Die ersten Kilometer sind angenehm entspannt: Der Weg verläuft fast eben und führt uns vorbei an Erdpress, Spannberg und Velm-Götzendorf. Vieles wirkt hier typisch für das Weinviertel – weite Felder, kleine Ortschaften und eine Landschaft, die auf den ersten Blick ruhig erscheint. Doch schon bald zeigt sich, dass hinter dieser Ruhe jede Menge Geschichte steckt.
Zwischen Schloss Dürnkrut und Schloss Jedenspeigen

In Waidendorf wechseln wir auf den Kamp-Thaya-March-Radweg (Nr. 8) und radeln weiter Richtung Norden. Nach etwa zwei Kilometern erreichen wir Dürnkrut. Schon von weitem erinnert das Schloss daran, dass diese Gegend nicht nur von Wein und Landwirtschaft geprägt ist, sondern auch Schauplatz bedeutender historischer Ereignisse war.

Zwischen Dürnkrut und Jedenspeigen fahren wir über Boden, der Geschichte geschrieben hat. Hier fand im Jahr 1278 die berühmte Schlacht zwischen Rudolf von Habsburg und König Ottokar von Böhmen statt. Was heute wie eine friedliche Landschaft wirkt, war einst Schauplatz einer der größten Ritterschlachten Europas. Der Sieg Rudolfs sollte die Geschichte Österreichs nachhaltig verändern und den Beginn der jahrhundertelangen Herrschaft der Habsburger einläuten.

Die Geschichte dieser Schlacht klingt beinahe wie aus einem mittelalterlichen Roman. König Ottokar verlor nicht nur die entscheidende Auseinandersetzung, sondern auch sein Leben. Nachdem er vom Pferd gestürzt war, wurde er vermutlich von Männern aus den eigenen Reihen erschlagen. Jahrhunderte später fand dieses dramatische Ende auch Eingang in Franz Grillparzers Trauerspiel »König Ottokars Glück und Ende«.

Hinweis
Ein kleiner Hinweis für alle, die sich noch etwas mehr mit der Geschichte der Region beschäftigen möchten: An der B49 erinnert heute ein Denkmal an die Schlacht bei Dürnkrut und Jedenspeigen. Es liegt allerdings nicht direkt am Radweg. Wer den kurzen Abstecher machen möchte, muss ein Stück entlang der Bundesstraße radeln – geschichtlich Interessierte werden diesen Umweg aber vermutlich gerne in Kauf nehmen.

Inzwischen haben wir Jedenspeigen erreicht und folgen der Straße hinauf zum Schloss. Das imposante Gebäude, das bereits 1276 erstmals urkundlich erwähnt wurde, blickt auf eine lange Geschichte zurück und beherbergt heute eine Ausstellung über jene berühmte Schlacht, die nur wenige Kilometer entfernt den Lauf der österreichischen Geschichte beeinflusste.
Zwischen Jedenspeigen und Zistersdorf

Nach dem geschichtsträchtigen Schloss Jedenspeigen wartet nun ein kleiner Anstieg auf uns. Durch die Kellergasse geht es hinauf auf den Goldberg – zwar kein langer Anstieg, aber nach den bisher eher gemütlichen Kilometern spüren wir ihn doch in den Beinen. Mitten in den Weingärten entdecken wir die Papstkapelle, die 1983 anlässlich des ersten Besuches von Papst Johannes Paul II. in Österreich errichtet wurde.

Oben angekommen, werden wir für die kurze Mühe belohnt. Der Blick reicht weit über die Marchauen bis hinüber zu den Karpaten in Mähren. Genau diese Momente sind es, die eine Radtour im Weinviertel so besonders machen: keine spektakulären Bergpanoramen, sondern weite Landschaften, Ruhe und überraschende Ausblicke.

Kurz vor Sierndorf stoßen wir auf einen ungewöhnlichen Zeugen der Vergangenheit: einen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Er war Teil einer Beobachtungskette entlang der March und Thaya und diente einst der Überwachung des Luftraums. Danach geht es wieder gemütlicher weiter – über Waltersdorf, Drösing, Ringelsdorf und Niederabsdorf radeln wir fast eben bis nach Paltendorf.

In Paltendorf lohnt sich für Geschichtsinteressierte ein kurzer Abstecher zu einem gotischen Wehrturm. Einst von Wällen und Gräben geschützt, ist dieser erhaltene Turm heute eine echte historische Rarität mitten im Ort und kann auch besichtigt werden.
Zistersdorf

Zwischen Paltendorf und Zistersdorf verändert sich die Landschaft noch einmal. Die Strecke wird etwas hügeliger und führt uns durch eine typische Weinviertler Gegend mit Feldern, Weingärten und den weithin sichtbaren Windrädern am Horizont.

Von Nordosten nähern wir uns Zistersdorf und treffen zunächst auf die Wallfahrtskirche Maria Moos. Die im 13. Jahrhundert von den Kuenringern über einem alten Brunnenheiligtum errichtete Kirche zählt zu den ältesten Quellheiligtümern Niederösterreichs. Ihr heutiges Erscheinungsbild ist ein spannender Mix aus romanischen, gotischen und barocken Elementen.

Rund um die Quelle ranken sich zahlreiche Geschichten. Sogenannte Mirakelbücher berichten von Heilungen, nachdem Kranke das Wasser getrunken oder sich damit gewaschen hatten. Ob man daran glauben möchte oder nicht – der besondere Ort mit seiner langen Geschichte ist jedenfalls einen Besuch wert.

Über die Hauptstraße radeln wir schließlich in das Zentrum von Zistersdorf. Die Stadt wurde im 13. Jahrhundert von den Kuenringern gegründet und musste im Laufe ihrer Geschichte so manche schwierige Zeit überstehen. Hussiten, Schweden während des Dreißigjährigen Krieges und die Kuruzzen drangsalierten die Bevölkerung.

Besonders dramatisch war das Jahr 1705, als die Kuruzzen unter ihrem Anführer Graf Simon Forgács die Stadt heimsuchten. Viele Bewohner suchten damals in der Kirche Schutz, doch auch dieser Zufluchtsort wurde zum Schauplatz einer Tragödie. Die Ereignisse blieben im Gedächtnis der Bevölkerung und sollen sogar zum bekannten Ausspruch „Krutzitürken noch einmal“ beigetragen haben.

Nach einem kurzen Rundgang durch Zistersdorf – sehenswert sind unter anderem das Alte Rathaus, die Pestsäule und die Stadtkirche – steigen wir wieder aufs Rad. Denn unsere Tour ist noch nicht zu Ende.
Zurück nach Obersulz und Niedersulz

Am Ortsrand von Zistersdorf beginnt nun der anstrengendste Abschnitt unserer heutigen Radtour. Der Muskateller Radweg führt uns wieder hinauf Richtung Gaiselberg. Die Steigung ist zwar keine Alpenetappe, aber nach den vielen Kilometern in den Beinen fühlt sich der Anstieg fast wie die „Glockner-Etappe“ des Weinviertels an.

Zwischen Weingärten und Feldern tauchen plötzlich die charakteristischen Erdölpumpen auf, die wegen ihrer Bewegung liebevoll „nickende Pferdeköpfe“ genannt werden. Bereits in den 1930er Jahren begann hier die Förderung des „schwarzen Goldes“. Die Erdölfelder rund um Zistersdorf waren über Jahrzehnte von großer Bedeutung für Österreich und spielten auch während des Zweiten Weltkriegs eine strategische Rolle für die deutsche Wehrmacht. Kein Wunder also, dass die Erdölfelder ein wichtiges Ziel der Russen bei ihrem Einmarsch in Österreich im Jahr 1945 waren.

Während wir uns den Anstieg mit eigener Muskelkraft hinaufarbeiten und über die Vorteile eines eBikes philosophieren, zieht ein Radfahrer mit elektrischer Unterstützung entspannt an uns vorbei. Sein Kommentar bringt die Situation perfekt auf den Punkt: „I hob an klan Vurteil.“ Ein kleiner Moment, der uns noch lange in Erinnerung bleibt.

Nach rund drei Kilometern erreichen wir schließlich den höchsten Punkt der Tour. Von nun an geht es wieder gemütlicher dahin. Über die Radwege 925, 947 und 926 rollen wir nach Blumenthal und wenig später durch die Kellergasse von Obersulz. Der Ausgangspunkt unserer Radtour ist nun wieder zum Greifen nah.
Museumsdorf Niedersulz

Nach den vielen Eindrücken des Tages gönnen wir uns zunächst eine kleine Pause. Doch wer noch nicht genug hat, sollte das Museumsdorf Niedersulz unbedingt besuchen. Wir haben uns diesen Höhepunkt bewusst für den Schluss aufgehoben – denn kaum ein anderer Ort passt besser zu einer Tour durch das Weinviertel.

Ein Besuch des Museumsdorfs Niedersulz ist wie eine kleine Zeitreise. Zwischen Bauernhöfen, Handwerkerhäusern und einer Dorfkirche lässt sich entdecken, wie das Leben im Weinviertel vor mehr als hundert Jahren ausgesehen hat. Mehr als 80 historische Gebäude aus zwei Jahrhunderten wurden hier zusammengetragen und originalgetreu wieder aufgebaut.

Besonders beeindruckend ist, wie lebendig das Dorfensemble wirkt. Während die gemütliche gute Stube eines Bürgermeisterhauses Wohlstand und Behaglichkeit ausstrahlt, erzählt die einfache Einrichtung eines Kleinhäuslerhauses von einem deutlich bescheideneren Leben. Jedes Gebäude hat seine eigene Geschichte und macht den Rundgang zu einer Reise in eine längst vergangene Welt. Dass die Häuser heute hier stehen, ist keine Selbstverständlichkeit. Viele der Gebäude stammen aus der Region und wurden gerettet, bevor sie endgültig verschwunden wären. Im Museumsdorf Niedersulz haben sie eine neue Heimat gefunden und lassen vergangene Zeiten wieder lebendig werden.
Autorenfazit
Der Muskateller Radweg ist eine Radtour, die zeigt, wie abwechslungsreich das Weinviertel sein kann. Zwischen ruhigen Feldwegen, historischen Schauplätzen, Kellergassen und überraschenden Geschichten vergeht die Zeit wie im Flug.
Mit Ausnahme des Anstiegs Richtung Zistersdorf ist die Strecke angenehm zu fahren und auch für Genussradler gut geeignet. Besonders das Museumsdorf Niedersulz macht diese Tour zu einem Erlebnis, bei dem nicht nur die Kilometer zählen, sondern vor allem die vielen kleinen Entdeckungen entlang des Weges.
Fotoalbum
Wir hoffen, dass wir Euch mit unseren Tipps zu einer Radtour am Muskateller-Radweg inspirieren konnten. Noch mehr Fotos zu dieser Radtour findet Ihr im Fotoalbum unter: MUSKATELLER-RADWEG – VOM MUSEUMSDORF NIEDERSULZ NACH ZISTERSDORF
Streckenplan
Tourdaten
Radweg-Symbol: Im Laufe der Jahre wurde die Streckenführung des Muskateller-Radwegs immer wieder geändert. Folgende Radwege werden bei dieser Streckenvariante befahren: Muskateller Radweg, KTM-Radweg, Radweg 7 und Radweg 8, sowie 925,926 und 947.
Schwierigkeit: mittel
Strecke: ca 62 km
Highlights der Strecke:
- Museumsdorf Niedersulz
- Schloss Dürnkrut
- Schloss Jedenspeigen
- Zistersdorf
Es empfiehlt es sich eine Karte der Region und die gps-Daten mitzunehmen. Die Tour kann an jeder beliebigen Stelle begonnen werden.
Tipp
Hat euch dieser „Weinradweg“ gefallen? Wenn ja, dann dann können wir auch den Riesling Radweg empfehlen. Alle Details findest du unter RIESLING RADWEG – VON WEHRHAFTEN STÄDTEN UND IDYLLISCHEN KELLERGASSEN
