STADTSPAZIERGANG WIEN – EINE SIGHTSEEING TOUR DURCH DIE JOSEFSTADT

Achter Bezirk, die Josefstadt! Einst Wohnbezirk von Beamten, Hofratswitwen und vieler Künstler. Ihr erfahrt in diesem Beitrag die perfekte Route für einen Stadtspaziergang durch die Wiener Josefstadt, lernt berühmte Bewohner kennen und entdeckt verborgene Winkel und die schönsten Flecken des 8. Wiener Gemeindebezirks.

Durch die Lenaugasse

In der Lenaugasse

Beginnen wir unseren Stadtspaziergang durch die Josefstadt in der Josefstädter Straße 2 beim Wiener Traditions-Café Eiles. Im Eiles könnt Ihr Euch noch mit einem Mokka stärken bevor wir in die stimmungsvolle Lenaugasse einbiegen. Von Barock über Biedermeier und Gründerzeit – zahlreiche Architektur-Epochen sind in der Lenaugasse vertreten.

In der Lenaugasse

Gleich am Beginn der Lenaugasse findet ihr das Kabarett Niedermair, welches Sprungbrett für die heutige Crème de la Crème der österreichischen Kabarettszene war – von Josef Hader bis zu Thomas Stipsits, Klaus Eckel oder Gery Seidl.

In der Lenaugasse

In der Lenaugasse wohnten die Dichter Friedrich Hebbel (No 2 und No 8), Marie von Ebner Eschenbach (No 2), Anton Wildgans (No 13 und 19) oder die berühmten Klavierfabrikanten Ignaz und Ludwig Bösendorfer (No 10).

In der Lenaugasse

Zu den schillerndsten Bewohnern zählte aber sicherlich Johann Carl Freiherr von Sothen (No 15). Sein Vermögen erwirtschaftete der »kugelrunde« Baron durch den Verkauf von Lotterie-Losen und dem Betreiben einer Wechselstube. In der Öffentlichkeit präsentierte er sich gerne als Wohltäter, in Wahrheit war er aber ein geiziger Unsympathler, der seine Arbeiter schindete und ausbeutete. So kam es, wie es kommen musste.

In der Lenaugasse

Am 10. Juni 1881 wird der Baron auf seinem Landgut am Cobenzl von einem Förster erschossen. Diesen hatte der Baron kurz zuvor wegen Lohnstreitigkeiten entlassen. Dem nicht genug! Der Förster hatte gewagt in der Dienstwohnung im »Concubinate mit einer Frauenperson zu leben, welche ihm vier Kinder geschenkt hatte«. Der Förster verlor nicht nur seinen Job, sondern wurde auch mit Kind und Kegel vor die Tür gesetzt.

Side-Step: Sisi-Kapelle »Am Himmel«

Sisi-Kapelle "Am Himmel"

Anlässlich der Vermählung des Kaiserpaares Elisabeth und Franz Joseph I ließ Sothen 1854 die Sisi-Kapelle errichten. In der Gruft der Kapelle fanden der Baron und seine Frau auch ihre letzte Ruhestätte. Die Beisetzung des Barons brachte die Wiener Volkseele so richtig zum Kochen. Mehr als 20.000 Menschen folgten dem Leichenwagen und sie machten sich dabei »a rechte Hetz«. Man sang Spottlieder auf den Verstorbenen oder bewarf den Sarg mit Steinen. Schon bald konnten Besucher folgenden Spruch an der Wand der Sisi-Kapelle lesen: »Hier in dieser Gruft liegt ein großer Schuft, zeigt’s kan Z’wanzger runter, sonst wird er wieder munter«. Der Förster, der den Baron in das Reich der Toten schickte, wurde zum Tode verurteilt, jedoch von Kaiser Franz Josef zu zwölf Jahren Kerker begnadigt.

Nehmt Euch Zeit, wenn Ihr durch die Gassen zur Alserkirche schlendert.

Schlösselgasse

Entdeckt die zahlreichen Details an den Biedermeier- oder Gründerzeithäusern mit ihren Erkern, Türmchen und reichen Stuckarbeiten (zB die Tierkreiszeichen am Biedermeierhaus, Schlösselgasse 1). Man könnte fast glauben, dass wir hier durch eine Filmkulisse aus der Zeit der Jahrhundertwende flanieren.

Die Alserkirche

Alser Kirche

Werfen wir einen Blick in die frühbarocke Alserkirche, die durch ihre Beziehung zu zwei Komponisten berühmt ist. Am 29. März 1827 wurde in der Alserkirche der Leichnam Ludwig van Beethovens eingesegnet. Sein Tod ist in der Sterbematrik der Kirche mit den Worten vermerkt: »Ludwig van Beethoven, lediger Tonsetzer, zu Bonn im Reich geb., 57 Jahre alt, gest. an Wassersucht, begraben am 29. März auf dem Gottesacker des Dorfes Währing«.

Alser Kirche

Der zweite Komponist ist Franz Schubert, der wenige Wochen vor seinem Tod zur Glockenweihe der Alserkirche den Hymnus »Glaube, Hoffnung und Liebe D 954« schrieb. Zwei Bronzereliefs erinnern an der Kirchenfront erinnern an diese beiden großartigen Künstler.

Schade, schade, zu spät!
Beethovens letzte Worte, als er die letzte Lieferung Wein nicht mehr genießen kann

Beethovens letzte Worte

Beethoven stirbt am 26. März 1827 und wird unter großer Anteilnahme der Wiener Bevölkerung am Währinger Ortsfriedhof –dem heutigen Schubertpark – beigesetzt. Die Grabrede verfasst Franz Grillparzer. 1888 erfolgt die Umbettung der sterblichen Überreste Beethovens auf den Wiener Zentralfriedhof. Das ursprüngliche Grabmal Beethovens könnt Ihr heute noch im Schubertpark im 18. Bezirk besichtigen.

Wollt Ihr Euch auf die Spuren von Beethoven begeben? Dann empfeheln wir Euch folgenden Beitrag: »BEETHOVEN IN WIEN – EIN STADTSPAZIERGANG ZU BEETHOVENS WOHNUNGEN IM 19. BEZIRK«

Durch die Lange Gasse zum ehemaligen Palais Schönborn

Palais Schönborn

Schon bald erreicht ihr das ehemalige Palais Schönborn, welches nach den Plänen des berühmten Architekten Lukas von Hildebrandt errichtet wurde. Das barocke Palais beherbergt heute das Österreichische Museum für Volkskunde. Gleich hinter dem Palais liegt der Schönbornpark, einer der wenigen Grünflächen des Bezirks.

Bäckerkreuz

Bevor wir weiter zur Piaristenkirche spazieren machen wir noch schnell einen kurzen Abstecher in die Florianigasse 13, wo im Innenhof das älteste Denkmal der Josefstadt steht. Es handelt sich dabei um ein gotisches Bäckerkreuz aus dem Jahre 1506. Am würfelförmigen Aufsatz der Steinsäule befinden sich zwei Reliefe, die den Schmerzensmann und den Hl Nikolaus, den Schutzpatron der Bäcker, zeigen.

Palais Damian

Zurück in der Lange Gasse spazieren wir vorbei am barocken Palais Damian (No 53), in welchem der Zeitungszar Moritz Szeps am Ende des 19 Jhdt residierte und seine Frau einen »Literarischen Salon« führte. In die Fußstapfen Ihrer Mutter trat auch Tochter Berta, die als Berta Zuckerkandl in die Geschichte Wiens einging. In ihrem  legendären Salon am Universitätsring 4 (Café Landtmann) verkehrte die Elite der Monarchie, darunter Johann Strauss (Sohn), Gustav Klimt, Arthur Schnitzler, Max Reinhardt oder Alma Mahler-Werfel.

Durch die Lange Gasse

Wir schlendern nun noch bis zur Adresse Lange Gasse 34, wo das älteste Haus der Josefstadt steht. Es trägt den klingenden Namen »Zur Heiligen Dreifaltigkeit« und wurde 1697 errichtet. Das Barockaus beherbergte von 1701 bis 1963 ohne Unterbrechung eine Bäckerei.

Durch die Lange Gasse

Hinter der Fassade verbirgt sich einer der wohl schönsten Pawlatschenhöfe der Josefstadt, wenn nicht sogar von ganz Wien. Geht nun die Lange Gasse ein Stück zurück und biegt in die Maria Treu Gasse ein, wo ihr schon die Fassade der Piaristenkirche sehen könnt.

Die Piaristenkirche

Piaristenkirche

Die mächtige Piaristenkirche wurde nach den Bauplänen von Lukas von Hildebrandt errichtet. Ein Blick in das Innere der Pfarrkirche ist lohnenswert. Da die Piaristenkirche für ihre hervorragende Akustik bekannt ist, wurden hier berühmte Messen uraufgeführt, wie die Missa in tempore belli von Joseph Haydn oder das Requiem in d-moll von Franz von Suppè. Schaut unbedingt zur Orgel empor – falls das Gitter zum Kirchenraum geöffnet ist.

Piaristenkirche

Am 21. November 1861 zog an dieser Orgel Anton Bruckner alle Register und legte erfolgreich seine praktische Kompositionsprüfung ab. Der Prüfer beurteilte die außergewöhnliche Leistung des jungen Bruckner mit den Worten » Er hätte uns prüfen sollen!«.

Piaristenkirche

Folgt nun der Piaristengasse zurück zur Florianigasse  – auf No 37 wohnte übrigens der bedeutendte österreichische Bildhauer Fritz Wotruba, zu dessen bekanntesten Werken die Wotrubakirche im 23. Bezirk zählt – und danach weiter der Kochgasse bis zur Laudongasse.

Durch die Kochgasse

in der Kochgasse

Auch die Kochgasse war eine Adresse für berühmte Schriftsteller. In Haus No 8 wohnte Stefan Zweig, der mit seinen Werken »Die Schachnovelle« oder »Sternstunden der Menschheit« große Erfolge feierte. Nach der Machtergreifung der Nazis floh Zweig mit seiner Frau nach Brasilien, wo er unter schweren Depressionen leidend, am 23.02.1942 Selbstmord beging.

in der Kochgasse

Ein paar Häuser weiter (No 32) lebte Felix Salten, der mit mit dem Kinderroman »Bambi« Weltruhm erlangte. Die Idee zum Buch kam Salten bei einem Jagdausflug. 1942 wurde die Geschichte über das Rehkitz als Zeichentrickfilm von Walt Disney erfolgreich verfilmt.

Hausfassaden

Salten gilt auch als Autor des erotischen Skandalromans »Josefine Mutzenbacher«. Schlagzeilen schrieb Salten als er einst Karl Kraus im Cafe Griensteidl wegen eines Zeitungsartikels ohrfeigte. Arthur Schnitzler dokumetirete diesen Vorfall in seinem Tagebuch mit den Worten »Gestern abends hat Salten im Kaffeehaus noch den Kraus geohrfeigt, was allseits freudig begrüßt wurde«.

Skodagasse und Schlesinger Platz

Skodagasse

In der Skodagasse befindet sich neben dem mächtigen »Bernard Hof« das Wonhaus des einst populären Malers Rudolf Alt (No 11). Als 1897 Gustav Klimt, Josef Hoffmann, Koloman Moser und weitere junger Künstler die Wiener Secession gründeten, ernannten sie den bereits 85jährigen Rudolf Alt zum Ehrenpräsidenten.

Skodagasse

Als Kaiser Franz Joseph die Secession feierlich eröffnete, soll er den Maler gefragt haben, ob er nicht schon zu alt für diese Tätigkeit sei. Darauf konterte Alt, »Majestät, Alt war ich schon bei meiner Geburt. Immer bin ich noch jung genug, um in jeder Stunde neu zu beginnen«.

Skodagasse

Auf No 15 wohnte der Kurzeitbundeskanzler Ernst von Streeruwitz, der 1929 für ein paar Monate die Geschicke der 1. Republik lenkte und ein Befürworter des »Anschlusses Österreichs« an das Deutsche Reich war.

Schlesingerplatz

Bevor wir weiter zum Albertplatz spazieren machen wir noch rasch einen Hüpfer zum Schlesinger Platz mit dem Amtshaus für den 8. Bezirk und dem in der Platzmitte stehenden Wachsamkeitsbrunnen.Weiter geht es nun die Skodagasse bis zum Hamerlinplatz.

Hamerlingplatz

Am Hammerlingplatz

Der Hamerlingplatz bietet Architekturliebhaber das eine oder andere Gustostückerl. Besonders sehenswert ist das Gebäude der Vienna Business School, welches 1906 nach Plänen der Architekten Julius und Wunibald Deininger errichtet wurde.

Am Hammerlingplatz

Erwähnenswert ist auch die Adresse Skodagasse No 1, wo einst Bundespräsident Adolf Schärf lebte und starb. Er war maßgeblich am Aufbau Österreichs nach dem 2. Weltkrieg beteiligt und verhandelte gemeinsam mit Julius Raab, Bruno Kreisky und Leopold Figl den Österreichischen Staatsvertrag in Moskau aus.

Hausfassaden

In seinem Präsidentschaftswahlkampf im Jahr 1957 kursierte angeblich der geheime Slogan »Wer einmal schon für Adolf war, wählt Adolf auch in diesem Jahr«. In unseren heutigen überpolitisch korrekten Zeiten hätten ein paar Tugendterroristen vermutlich für einen shitstorm ungeheuerlichen Ausmaßes gesorgt. So gewann aber Schärf die Wahl zum Bundespräsidenten souverän.

Die Josefstädter Strasse entlang

Hausfassaden

Zeit für eine kleine Pause im Café Hummel bevor wir der Josefstädter Straße stadteinwärts folgen. Man kann sich kaum vorstellen, dass die Josefstädter Straße bis zum Ende des 17. Jhdt nur ein Fahrweg durch ein weitgehend unverbautes Gebiet war. Heute ist die Straße dicht verbaut mit einer Vielzahl von kleinen Geschäfte, sowie zahlreichen Häusern aus der Zeit des Wiener Historismus.

Palais Strozzi

Auf No 39 seht ihr das barocke Palais Strozzi. Wo einst die Gräfin zu rauschenden Sommerfesten lud, befindet sich heute der Sitz des Forschungszentrums des Instituts für Höhere Studien. Für viele Jahre diente das Palais auch als Mietskaserne, Mädchenpensionat oder als Finanzamt. Berühmtester Mieter war die Malerikone des Biedermeiers Friedrich von Amerling. Vor allem seine Damenporträts machten den viermal verheirateten Amerling zum begehrtesten Portraitmaler der Wiener Gesellschaft.

Löwenapotheke

Sehenswert ist auch der Löwenhof (No 25) mit seinem goldenen Hauszeichen. Hier befindet sich die »Alte Löwenapotheke«, die bereits 1782 eröffnet wurde und sich ursprünglich genau gegenüber dem heutigen Standort befunden hatte. Berühmt wurde die Apotheke durch den Erfindergeist des Apothekers Josef Moser, dem es gelungen war im Laboratorium der Apotheke Gas herzustellen.

Löwenapotheke

Moser installierte Gaslampen in der Apotheke und beleuchtete im Jahr 1816 erstmals in Wien seine Schaufenster mit Gaslicht. Schaulustige, Flaneure, Hofratswitwen mit ihren Pudeln und selbst der gute Kaiser Franz pilgerten in die Josefstadt um die Beleuchtung zu bewundern.

Theater in der Josefstadt

Schräg vis-à-vis steht das das Theater in der Josefstadt (No 26), welches 1788 gegründet wurde und das älteste noch bespielte Theater in Wien ist. Die Geschichte des Theaters ist mit großen Namen verbunden. Ludwig van Beethoven, Richard Wagner und Vater Johann Strauss dirigierten hier, Johann Nestroy und Ferdinand Raimund feierten als Schauspieler in der »Josefstadt« triumphale Erfolge.

Theater in der Josefstadt

Nachhaltig geprägt hat die Josefstadt Max Reinhardt, der das Theater ab 1924 als Direktor leitete. Viele noch heute berühmte Emselbemitglieder standen unter der Leitung von Reinhardt auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Darunter so klingende Namen, wie Hans Albers, Vilma Degischer, O. W. Fischer, Attila Hörbiger, Hilde Krahl, Fred Liewehr, Hans Moser, Annie Rosar, Marianne Schönauer, Oskar Sima, Jane Tilden oder  Paula Wessely.

Von hier ist es dann nur mehr ein Katzensprung zu unserem Anfangspunkt zurück.

Hinweis: Die Route im Detail

U2 Station Rathaus > Josefstädter Straße > Lenaugasse > Tulpengasse > Schlösselgasse > Alser Straße > Lange Gasse > Maria Treu Gasse > Jodok-Fink-Platz > Piaristengasse > Florianigasse > Kochgasse > Laudongasse > Daungasse > Skodagasse > Hamerlingplatz > Josefstädter Straße > U2 Station Rathaus

Länge: ca 4 km
Reine Gehzeit: rund eine Stunde

Literaturhinweise und -tipps

  • Heinz Fink | Helmut Lust, Wiener Kulturspaziergänge aus dem Pichler Verlag
  • Fritz Panzer, Josefstadt, die Beletage von Wien und ihre berühmten Bewohner aus dem Metro Verlag
  • Georg Markus, Schlag nach bei Markus: Österreich in seinen besten Geschichten, Almathea Verlag
  • Online: Wien Geschichte Wiki