
Opatija, das frühere Abbazia, war einst der mondänste Kurort der Donaumonarchie. Zwischen prachtvollen Villen, dem Lungomare, historischen Kaffeehäusern und gepflegten Gärten spürt man bis heute den Glanz der k.u.k.-Zeit. Ein Stadtspaziergang durch Opatija – voll Kaiserklatsch und Monarchiegeschichten.
Opatija oder Abbazia

Abbazia, das heutige Opatija, ist so ein Ort, bei dem man nach wenigen Minuten versteht, warum die k.u.k.-Gesellschaft plötzlich dringend „zur Kur“ musste. Offiziell natürlich wegen der Gesundheit. Inoffiziell vermutlich, weil man hier deutlich angenehmer flirten, tratschen und Mehlspeisen genießen konnte als im Wiener Novembernebel zwischen Hofzeremoniell und Pflichtgefühl.

Man sitzt am Lungomare, schaut hinaus aufs Meer und versucht sich vorzustellen, wie hier vor über hundert Jahren die bessere Gesellschaft der Donaumonarchie promenierte. Viel verändert hat sich eigentlich nicht – nur Smartphones sind heute deutlich präsenter als die Spazierstöcke von damals. Influencer-Posen haben vielerorts die gepflegte Konversation verdrängt und Social-Media-Feeds übernehmen die Rolle, die einst Klatsch und Tratsch spielten.
Als Opatija das Licht der Welt erblickte

Seinen Namen verdankt Opatija einer kleinen Benediktinerabtei rund um die Kirche St. Jakob, die um 1420 hier entstand. „Opatija“ – auf Italienisch „Abbazia“ – bedeutet schlicht „Abtei“. Lange Zeit bestand der Ort im Wesentlichen aus einem Kloster, etwas Küste und erstaunlich viel Ruhe. Erst Jahrhunderte später entdeckte die Donaumonarchie, dass sich hier nicht nur für das Seelenheil sorgen, sondern auch eine höchst angenehme Sommerfrische verbringen ließ.
Abbazia – die Riviera der Donaumonarchie

Ende des 19. Jahrhunderts avancierte Abbazia dann zum mondänsten Seebad und angesagtesten „Curort“ Österreich-Ungarns. Namhafte Mediziner wie Theodor Billroth priesen die Vorzüge des lokalen Klimas. Besonders die salzhaltige Luft, das sogenannte Aerosol, galt als therapeutisches Wundermittel gegen Tuberkulose und andere Atemwegserkrankungen.

Wer es sich leisten konnte, reiste an die Adria – nach Abbazia, Grado oder überhaupt dorthin, wo man gleichzeitig kuren, promenieren und gesehen werden konnte. So flanierte die Hautevolee entlang der Küste, atmete tief die frische Seeluft ein und hegte die leise Hoffnung, dass sie mehr bewirken möge als der letzte Arztbesuch in Wien.

Alles, was Rang, Namen oder ausreichend Geld hatte, verbrachte um 1900 hier am Meer die Sommerfrische. Entsprechend wuchs entlang der Küste eine passende Kulisse heran: Hotels und prächtige Villen mit verspielten Türmchen sowie reich verzierten Fassaden.

Beim Spaziergang durch Opatija entdeckt man diese alte Welt noch an vielen Stellen. Zwischen Palmen, Oleander und eleganten Fassaden lebt der Glanz der k.u.k.-Zeit bis heute weiter.
Villa Angiolina – Wo Abbazias große Geschichte begann

Mit der Villa Angiolina begann überhaupt erst der Aufstieg Abbazias zum mondänen Kurort. Die elegante Villa wurde Mitte des 19. Jahrhunderts vom reichen Kaufmann Iginio Scarpa erbaut und zog plötzlich jene Gesellschaft an, die ausreichend Vermögen und Freizeit hatte. So funktioniert Tourismus bis heute: Einer fährt irgendwo hin, die anderen kommen nach. Rund um die Villa entstand später ein Park mit exotischen Pflanzen, Palmen und Kamelien.
Herrliche Paläste, Prunk und Pracht, schöne Frauen! Ich liebe das Meer und bade darin mein Herz!
– Peter Rosegger
Hotel Ambasador – der Bruch im Bild

Und dann, mitten in dieser Welt aus Belle-Époque-Villen und k.u.k.-Eleganz, steht plötzlich das Hotel Ambasador da. Ein Betonbau aus der Tito-Zeit, der wirkt, als hätte jemand mitten in eine Operettenkulisse versehentlich ein Amtsgebäude der siebziger Jahre gestellt.
Die Amerikanischen Gärten – Botanische Weltreise mit Meerblick

Ein besonders schönes Kapitel dieser alten Abbazia-Welt sind die Amerikanischen Gärten oberhalb des Zentrums. Angelegt wurden sie in den 1920er Jahren vom ungarischen „Paprika-König“ Michael Paulus Kuczor und seiner Frau Hilda von Hortenau, deren Herkunft gut in die Welt der k.u.k.-Gesellschaft passt: Ihre Mutter war die Wiener Primaballerina Maria Schleinzer, ihr Vater Erzherzog Otto von Habsburg.

Gemeinsam verwandelten Kuczor und Hilda einen kahlen Hügel in eine mediterrane Gartenlandschaft mit Terrassen, Rosen, Magnolien, Kamelien und exotischen Pflanzen aus aller Welt. Dass Kuczor später Eintritt verlangte, zeigt: Auch zwischen Blumenbeeten und Palmen blieb er ein beinharter Unternehmer.

Wenn man dann wieder hinunter in die Stadt geht, taucht zwischen Palmen und alten Fassaden plötzlich ein Bauwerk auf, das sich nicht ganz entschieden hat, ob es fertig werden wollte oder nicht.
Mariä-Verkündigungs-Kirche – Die große Unvollendete der Monarchie

Von vielen Stellen Opatijas sichtbar erhebt sich die Mariä-Verkündigungs-Kirche mit ihrer großen grünen Kuppel über der Stadt. Errichtet wurde sie ab 1906 nach Plänen des österreichischen Architekten Karl Seidl. Dann kam der Erste Weltkrieg, die Bauarbeiten wurden eingestellt. Zeitweise diente das unvollendete Gotteshaus sogar als Unterkunft für Maultiere. Teile des Dachs stürzten später ein – und ganz fertig geworden ist die Kirche bis heute nicht.

Vielleicht wirkt sie gerade deshalb so interessant. Innen keine überladene Barockkulisse, sondern roter Backstein, massive Säulen und eine fast überraschend rohe Atmosphäre.
Abbazia – Häuser voller Geschichten

Die alten Villen von Opatija haben wahrscheinlich mehr erlebt als manche Dynastien. Wenn die Mauern reden könnten, würden sie vermutlich pausenlos tratschen.

Die Gästeliste der österreichischen Riviera liest sich jedenfalls wie eine Mischung aus Hofburg, Burgtheater und Salonkultur: Kaiser Franz Joseph, Kaiserin Sisi, Kronprinz Rudolf, Gustav Mahler, Arthur Schnitzler, Katharina Schratt oder auch der Wiener Bürgermeister Karl Lueger, dessen Name heute bei den selbsternannten Hütern politischer Korrektheit zu sofortiger Schnappatmung führt. Wobei man sich ohnehin fragen kann, was heute überhaupt noch ohne Empörung auskommt. Tatsache ist: Lueger gehört ebenso zur Geschichte dieser Epoche – und die lässt sich nicht einfach ausradieren, nur weil er nicht mehr in jedes heutige Weltbild passt.
Der Lungomare – sehen und gesehen werden

Der Lungomare zieht sich direkt am Meer entlang und ist bis heute die große Bühne für alle Gäste von Opatija: sehen und gesehen werden, flanieren, beobachten, inszenieren. Früher wie heute gilt dieses Prinzip. Dieser Tage sind es Sonnenbrillen und knappe Sommerkleidung, dazu eine Form von Selbstinszenierung, bei der nichts dem Zufall überlassen bleibt. Aufgespritzte Lippen, sorgfältig trainierte Körper und ein Lächeln auf Abruf fürs Foto. Ist das Foto gemacht, bleibt ein angefressenes Gesicht zurück, das ebenso gut der Hitze geschuldet sein kann wie dem Blick aufs Display, weil die erhofften Likes in den asozialen Medien ausbleiben – oder nicht schnell genug kommen.

Früher war diese Bühne deutlich formeller. Damen mit Sonnenschirmen und feinem Gespür für gesellschaftliche Nuancen, Herren mit Spazierstock und Girardi-Hut sowie k.u.k.-Offiziere, geschniegelt bis in die Schnurrbartspitzen, bewegten sich hier mit jener Mischung aus Eleganz und Selbstbedeutung, die der Monarchie eigen war. Politische Gespräche gingen über in diskret gepflegte Beobachtungen, die offiziell niemals Klatsch waren, sondern lediglich „interessante Informationen“.

Beim weiteren Spaziergang entlang des Lungomares kommt man unweigerlich bei der berühmten Statue des „Mädchens mit der Möwe“ vorbei. Sie blickt hinaus aufs Meer, leicht melancholisch, als würde sie seit hundert Jahren dieselben Touristengruppen beobachten, die den optimalen Winkel für ein Foto suchen – oder als würde sie über die Seele des Grafen Arthur Kesselstadt wachen, der 1891 unweit dieser Landzunge gemeinsam mit Gräfin Fries bei einem Bootsausflug ums Leben kam.
„Man sagt ja nix, man red’t ja nur“

In Abbazia wurde nicht nur flaniert, denn ein mondäner Kurort lebt schließlich nicht nur von der Seeluft, sondern auch von Geschichten, die ein bissl nach Skandal klingen. Besonders gern sprach man über Kaiser Franz Joseph und Katharina Schratt. Angeblich traf man sich diskret in der Villa Madonna. Wobei „diskret“ in der Monarchie immer bedeutet hat, dass es spätestens nach zwei Tagen jedes Dienstmädl zwischen Triest und Brünn wusste.

Auch Kaiserin Sisi soll in Abbazia frischen Schwung in ihr Liebesleben gebracht haben. In der Villa Minich, heißt es, habe sie sich auffallend gern mit dem ungarischen Grafen Andrássy getroffen. Manche behaupteten sogar, ihre Tochter Marie Valerie sei das Ergebnis dieser Liaison gewesen. Bewiesen ist natürlich nichts. Aber in Abbazia verstand man sich schon damals auf jene feine Form des Tratsches, bei der jeder beteuert: „Man sagt ja nix, man red’t ja nur.“
Skandale am Strand

Überhaupt war Abbazia ein Ort, an dem sich die Monarchie ständig ein bissl empört hat. Die Tänzerin Isadora Duncan erschien etwa in einem ärmellosen, kniefreien und dazu noch erstaunlich tief dekolletierten Badekleid. Heute würde damit niemand einmal beim Supermarkt auffallen. Damals galt das praktisch als Zusammenbruch der europäischen Zivilisation.

Und noch eine Geschichte hat sich rund um Duncan in Abbazia erhalten. Man erzählte sich, die vom Wind bewegten Palmblätter entlang der Promenade hätten sie zu neuen Tanzbewegungen inspiriert. Während andere einfach spazierten und dabei die berühmten Meeresaerosole einatmeten, sah Duncan in jeder Palme bereits eine Choreographie. Als sie ihren neuen Tanz erstmals vorführte, blieb den Zuschauern im wahrsten Sinn des Wortes die Luft weg: ein schwereloser, freier Stil – ein Skandal sondergleichen in der steifen Welt der Monarchie. Ihr Ende wirkt im Rückblick fast wie eine makabre Fußnote zur Kunst: Bei einer Autofahrt verfing sich ihr langer Seidenschal in den Speichen des Fahrzeugs und strangulierte sie.

Während die Damen über die „Mutter des modernen Tanzes“ entsetzt waren, soll Erzherzog Ludwig Viktor – in der Familie nur „Luziwuzi“ genannt – die Duncan ausgesprochen aufmerksam beobachtet haben. Der Erzherzog war ebenso für seine homosexuellen Eskapaden bekannt wie für seine eher überschaubare Begeisterung gegenüber weiblichen Reizen. Umso mehr wunderte man sich, dass er den Blick kaum von ihr lösen konnte. In Abbazia wusste man jedoch sofort: Wenn sogar der Luziwuzi schaut, dann muss diese Frau außergewöhnlich faszinierend sein.
Der „dicke Luigi“

Auch Erzherzog Ludwig Salvator, hinter vorgehaltener Hand „der dicke Luigi“ genannt, gehörte zu den schillernden Figuren Abbazias. Sein Markenzeichen war demonstrative Nachlässigkeit: abgewetzte Anzüge, Manschetten mit Bindfaden – inmitten der perfekt inszenierten Gesellschaft fast erfrischend menschlich. Verheiratet war er nie, der Tratsch schrieb ihm jedoch Offenheit gegenüber beiden Geschlechtern zu – in einem Kurort, der vom Gerücht lebte, fast schon Grundausstattung. Wahrscheinlich war er seiner Zeit einfach voraus.

Heute würde man ihn vermutlich als „unkonventionellen Lifestyle-Influencer“ verkaufen. Wenn Ludwig Salvator in Abbazia weilte, residierte er in der Villa Neptun, dem heutigen Hotel Miramar.
Wer erinnert sich nicht mit Wonne an das köstliche Bad von Abbazia! So schattig, so kühl, das Wasser so krystallrein, ein wahres Götterbad!
– Erzherzog Ludwig Salvator
Bar, Kaffeehaus und Monarchiegefühl

Und irgendwann setzt man sich in eine der Bars oder Cafés entlang der Promenade. Kein großes Zeremoniell mehr, eher moderne Terrassen mit Meerblick, aber das Prinzip ist noch dasselbe: sitzen, schauen, Zeit verlieren. Man bestellt einen Drink, vielleicht einen Kaffee oder etwas Kühles aus der Bar, und merkt, dass hier vieles noch in dieser ruhigen, fast altmodischen Taktung funktioniert. Menschen reden leise, Gläser klirren, irgendwo wird gelacht, und trotzdem wirkt nichts gehetzt.

Am Abend wird das Meer langsam dunkel, entlang der Promenade spazieren noch immer Menschen gemächlich am Lungomare. Und irgendwo bleibt man sitzen, ein bisschen länger als geplant. Man könnte schlechter altern als Abbazia.
Fotoalbum
Weitere Fotos aus Opatija / Abbazia findest du auf Flickr unter OPATIJA ENTDECKEN- WO DIE DONAUMONARCHIE AUF SOMMERFRISCHE GING
