
Udine gehört zu diesen Städten, über die erstaunlich wenig gesprochen wird – obwohl sie genau das bietet, was viele an Italien lieben: historische Plätze, großartige Architektur, entspanntes Lebensgefühl und fantastisches Essen.

Udine ist keine Stadt, die laut um Aufmerksamkeit kämpft. Sie hat keine Gondeln, keine überfüllten Kanäle und leidet nicht unter jenem touristischen Dauerstress, der andernorts bereits zum Stadtbild gehört. Stattdessen wirkt Udine angenehm gelassen – mit venezianischen Fassaden, eleganten Plätzen und endlosen Arkaden. Fast so, als hätte Venedig sich vor den Touristenmassen ins Friaul geflüchtet. Und genau das macht den Reiz von Udine aus.

Unser Udine Stadtspaziergang beginnt dort, wo sich in Italien Kunst, Religion und barocke Selbstdarstellung traditionell am liebsten treffen: beim Dom.
Der Dom von Udine – Außen zurückhaltend, innen barockes Spektakel

Der Dom von Udine, der der Jungfrau Maria gewidmet ist, vereint gotische Ursprünge mit barocker Pracht. Von außen wirkt die Kirche noch vergleichsweise zurückhaltend. Doch spätestens beim Betreten merkt man schnell: Hier wurde weder an Fresken noch an Goldverzierungen gespart. Altäre, Skulpturen und Gemälde erzählen biblische Geschichten mit jener barocken Dramatik, die offenbar verhindern sollte, dass den Gläubigen während der Messe langweilig wird.

Besonders präsent ist Giovanni Battista Tiepolo. Seine Werke finden sich gleich in mehreren Kapellen auf der rechten Seite des Doms. Und irgendwann entsteht der Eindruck, dass man in Udine kaum drei Häuser weit gehen kann, ohne erneut auf einen Tiepolo zu stoßen. Tatsächlich werden wir auf unseren Udine Stadtspaziergang noch mehrmals auf Tiepolo treffen. Tiepolo war einer der bedeutendsten venezianischen Maler des ausklingenden Barock und des Rokoko. Sein Werke stellen antike Heldenepen und biblische Legenden in einer grandiosen, beinahe theatralische Bildsprache dar.
Piazza della Libertà – Fast ein bißchen Venedig

Vom Dom führt der Weg direkt zur Piazza della Libertà. Sehr schön. Sehr venezianisch. Man wartet fast darauf, dass irgendwo ein Gondoliere auftaucht und inbrünstig „O Sole Mio“ anstimmt– auch wenn man sich fragen würde, wie er mit der Gondel überhaupt bis nach Friaul gekommen sein soll. Der Platz gilt als einer der schönsten in Friaul und erinnert mit seinen Loggien, dem Uhrturm und den Arkaden auffallend an die Architektur der Serenissima.

Besonders markant ist die rosa-weiß gestreifte Loggia del Lionello, die mit ihrer offenen Arkadenhalle den Platz dominiert. Gegenüber stehen die Loggia di San Giovanni und der Uhrturm, der aussieht, als hätte man ihn aus Venedig hierher übersiedelt.

Dazu kommen Herkules und Cacus, die den Platz flankieren wie zwei steinerne Erinnerungen an die Zeit, als Udine über viele Jahrhunderte zur Republik Venedigs gehörte – eine Art stilles „Vergesst’s nicht, wer hier jahrhundertelang das Sagen hatte“.

Hinter dem Platz erhebt sich bereits der Burghügel mit dem Castello di Udine. Und natürlich gehen wir jetzt dort hinauf. Wäre ja unhöflich, es nicht zu tun. Italienische Städte haben schließlich ihre eigenen Gesetze – und eines davon lautet: mindestens ein Hügel pro Stadtrundgang.
Castello di Udine – Der Blick über Friaul

Der schönste Aufstieg zum Schloss beginnt beim Arco Bollani. Ein monumentaler Bogen von Andrea Palladio. Von dort führt ein eleganter Portikus langsam bergauf.

Oder genauer gesagt: langsam genug, damit man zwischendurch unauffällig stehen bleiben kann, ohne es offiziell „anstrengend“ nennen zu müssen.

Oben angekommen öffnet sich der Blick über Udine, die friaulische Ebene und bis zu den Voralpen und Friauler Alpen. Gerade bei klarem Wetter wirkt das Panorama fast zu schön, um zufällig entstanden zu sein. Das Schloss selbst stammt aus dem 16. Jahrhundert und war einst der Sitz des Patriarchen von Aquileia sowie des venetischen Statthalters.

Heute beherbergt es das archäologische Museum, eine Galerie für antike Kunst – natürlich auch mit Gemälden von Giovanni Battista Tiepolo – und ein Museum für Fotografie. Zu den Hauptattraktionen des Schlosses zählt auch der prächtige Parlamentssaal mit einer kassettenverzierte Holzdecke und raumhohen Fresken.
Via Mercatovecchio – Warum Arkaden eine geniale Erfindung sind

Und dann geht es wieder hinunter. Eben noch über den Dächern der Stadt, jetzt wieder mitten drin. Der Spaziergang führt nun durch die Via Mercatovecchio, und plötzlich versteht man, warum Arkaden erfunden wurden: Schatten! Die größte kulturelle Leistung Südeuropas ist nicht die Renaissance, es ist die Einsicht, dass man im Sommer besser nicht in der Sonne herumsteht.

Die lange Straße mit ihren Arkaden gehört zu den charakteristischsten Bereichen der Altstadt und verkörpert genau jene entspannte Eleganz, die viele italienische Städte so angenehm wirken lässt.
Piazza Matteotti / Piazza San Giacomo – Aperitivo und italienischer Alltag

Die Piazza Matteotti, die eigentlich auch Piazza San Giacomo heißt, wirkt wie das Wohnzimmer der Stadt oder wie eine Kulisse für eine Verdi-Oper in Gars am Kamp. Unter den Arkaden sitzen die Menschen beim Espresso oder Aperitivo und bekommen dazu ganz selbstverständlich Oliven, Chips oder Taralli hingestellt. Einfach so. In Österreich undenkbar.

Gespräche vermischen sich mit dem Klirren von Gläsern und irgendwo diskutiert garantiert jemand mit erstaunlicher Leidenschaft, als würde gerade die geopolitische Ordnung Europas neu verhandelt. Dabei geht’s wahrscheinlich nur darum, warum sich Italien wieder nicht zur Fußball WM qualifiziert hat.

Der Platz wirkt nicht inszeniert. Sondern gelebt.Und wahrscheinlich könnte man hier stundenlang sitzen, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu versäumen. Irgendwann verlässt man die Piazza wieder und spaziert weiter durch die stilleren Gassen rund um die Via Cavour.
Casa Cavazzini – Moderne Kunst mitten in der Altstadt

Beim Spaziergang durch die Altstadt kommt man auch an der Casa Cavazzini vorbei, dem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Ein kurzer Hinweis darauf, dass Udine trotz aller Renaissance- und Barockfassaden keineswegs nur in der Vergangenheit lebt.

Gerade dieser Gegensatz macht den Reiz aus. Udine wirkt dadurch nicht wie eine Stadt, die ausschließlich in ihrer Vergangenheit lebt, sondern wie ein Ort, der Geschichte und Gegenwart erstaunlich selbstverständlich miteinander verbindet.
Erzbischöfliches Palais

Über die Porta Manin gelangt man schließlich zum Erzbischöflichen Palais, dem Palazzo dei Patriarchi. Und natürlich trifft man auch hier wieder auf Tiepolo.

Die Fresken im monumentalen Treppenhaus, in der Besuchergalerie und im berühmten roten Saal zählen zu seinen bedeutendsten Werken. Langsam entsteht überhaupt der Eindruck, dass man in Udine im 18. Jahrhundert keine repräsentative Wand bemalen konnte, ohne dass Tiepolo vorher schon einen Entwurf abgegeben hatte.

Eine Spur beeindruckender ist allerdings die prachtvolle Bibliothek – hohe Regale, alte Bände und dieses leise Rascheln von Geschichte zwischen den Seiten. Ein Raum, der sehr deutlich macht, dass Wissen früher nicht „gescrollt“, sondern gesammelt wurde. Und zwar in Leder gebunden.

Wir verlassen das Erzbischöfliche Palais und stehen gefühlt schon wieder auf einer Piazza. Irgendwo wird automatisch noch ein letzter Aperitivo bestellt, obwohl eigentlich keiner mehr geplant war. Und während das Glas gefüllt wird, merkt man, dass Udine genau jene Art von Stadt ist, die keinen großen Aufwand betreiben muss, um in Erinnerung zu bleiben.
Fazit: Udine – die leise elegante Schwester Venedigs

Udine lebt nicht von großen Sensationen. Die Stadt überzeugt eher durch ihre Atmosphäre: venezianische Plätze, barocke Kunst, entspannte Piazzas und diese angenehme Mischung aus Eleganz und Gelassenheit. Udine will gar nicht beeindrucken. Die Stadt muss nichts beweisen. Vielleicht wirkt sie gerade deshalb sympathisch. Die ideale Reisedestination für einen dreitägigen Kurztrip. Aber Achtung: Montag sind nicht nur viele Museen geschlossen, sondern auch Geschäfte.
Fotoalbum
Weitere Fotos zu diesem Stadtspaziergang in Udine findest du auf Flickr unter UDINE – EIN STADTSPAZIERGANG ZWISCHEN TIEPOLO, ARKADEN UND APERITIVO
Die Route im Detail
Du willst den Udine Stadtspaziergang nachgehen? Hier die GPS-Daten.
Zum Abschluss noch ein Ausflugtipp: Cividale del Friuli

Nur rund 17 Kilometer von Udine und knapp vor der slowenischen Grenze gelegen, breitet sich das kleine Städtchen Cividale del Friuli malerisch beiderseits des Flusses Natisone aus.

Gegründet wurde Cividale ursprünglich von den Kelten, später erhob Gaius Julius Caesar die Siedlung zur Stadt. Was die Römer halt damals gern gemacht haben.
Die Teufelsbrücke – schlechte Vertragsbedingungen für den Satan

Das Wahrzeichen von Cividale ist die Ponte del Diavolo, die Teufelsbrücke. Und natürlich gibt es dazu eine Legende. Der Sage nach erklärten die Bewohner, dass niemand eine Brücke über den reißenden Natisone bauen könne. Worauf der Teufel auftauchte und meinte: „Doch, ich schon. Aber ich will die Seele des Ersten, der drübergeht.“

Der Teufel baute also die Brücke – und die Bürger von Cividale jagten nach Fertigstellung einfach einen Hund hinüber. Man muss sagen: moralisch diskutabel, taktisch aber beeindruckend. Heute spannt sich die Brücke hoch über den türkisgrünen Fluss und gehört zu den schönsten Fotomotiven Friauls.
Der Dom Santa Maria Assunta

Mitten in der Altstadt erhebt sich der dreischiffige Dom Santa Maria Assunta. Der ursprüngliche Bau stammt aus dem 14. Jahrhundert, wurde allerdings nach einem Einsturz Anfang des 16. Jahrhunderts unter Leitung des Architekten Pietro Lombardo wieder aufgebaut.

Innen finden sich zahlreiche Kunstwerke und historische Kostbarkeiten, darunter der prachtvolle Hochaltar mit dem Altaraufsatz des Patriarchen Pilgrim II.
Tempietto Longobardo – die Langobarden konnten nicht nur kämpfen

Der eigentliche kulturelle Höhepunkt von Cividale versteckt sich jedoch im ehemaligen Kloster Santa Maria am Steilufer des Natisone.

Dort befindet sich der Tempietto Longobardo – eines der bedeutendsten Bauwerke der langobardischen Zeit und heute Teil des UNESCO-Welterbes. Das kleine Oratorium aus dem 8. Jahrhundert wirkt von außen fast unscheinbar.

Innen allerdings eröffnet sich ein erstaunlich kunstvoller Raum mit byzantinisch beeinflussten Fresken, Stuckarbeiten und fein gearbeiteten Heiligenfiguren. Hier merkt man plötzlich, dass die Langobarden offenbar nicht ausschließlich mit Schwertern beschäftigt waren.
Fazit

Cividale del Friuli gehört zu jenen Städten, die keinen großen Aufwand betreiben müssen, um Eindruck zu hinterlassen. Ein Fluss, eine sagenhafte Brücke und langobardische Kunstschätze – all das macht den Ort perfekt für einen halben Tagesausflug.
