DER WIENER UND DER TOD – EIN SPAZIERGANG AM ZENTRALFRIEDHOF

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Ehrengräber am Zentralfriedhof

Der Wiener Zentralfriedhof ist mehr als eine riesige Ruhestätte. Er ist ein Stück Wiener Kulturgeschichte, ein Ort der Besinnung, aber auch ein Ort, an dem sich die besondere Beziehung der Wiener zum Tod zeigt. Zwischen prächtigen Ehrengräbern, der Luegerkirche und alten, verwitterten Grabstätten begegnen wir den unterschiedlichsten Facetten der Wiener Seele.

Unser Spaziergang führt zunächst zu den Ehrengräbern und einigen bekannten Persönlichkeiten, danach zur Luegerkirche und schließlich in den alten jüdischen Friedhof. Dort wird es stiller und die Atmosphäre verändert sich schlagartig.

Der Wiener Zentralfriedhof, Ort der Besinnung und Sentimalität

Ehrengräber am Zentralfriedhof
Friedrich Ritter von Amerling, bedeutender österreichischer Maler des 19. Jh

Wenn ma da so drunt liegt, freut ma sich, wann’s Grablaternderl leucht

Es lebe der Zentralfriedhof, Wolfgang Ambros

Der Zentralfriedhof von Wien – ein Ort, an dem die morbide Faszination und die Sentimentalität der Wiener spürbar werden. Der zweitgrößte Friedhof der Welt, von André Heller als »Aphrodisiakum für Nekrophile« bezeichnet, ist der letzte Ruheort unzähliger Berühmtheiten. Hier liegen Musiker, Schriftsteller, Künstler und Schauspieler nebeneinander. Manche Gräber sind prachtvoll, andere überraschend schlicht. Bei einigen bleiben wir unweigerlich stehen, weil wir mit dem Namen eine Stimme, ein Lied, ein Bild oder eine Rolle verbinden. Kein anderer Ort bringt uns den Größen der österreichischen Geschichte und Kultur so nahe.

Die Ehrengräber – das Who-is-Who Wiens

Am Wiener Zentralfriedhof
Letzte Ruhestätte von Helmut Qualtinger am Zentralfriedhof

Am Beginn unseres Spaziergangs stehen die Ehrengräber. Schon nach wenigen Schritten wird klar, warum der Zentralfriedhof weit mehr ist als eine gewöhnliche Ruhestätte. Hier begegnen wir den großen Namen der österreichischen Geschichte und Kultur – und manchmal erzählen die Grabmale selbst fast ebenso viel über ihre Bewohner wie deren Namen.

Grab des Walzerkönigs Johann Strauss
Grab des Walzerkönigs Johann Strauss

Musiker wie Beethoven und Johann Strauss, Schriftsteller wie Franz Werfel und Arthur Schnitzler, Künstler wie Manfred Deix und Franz West sowie Schauspieler wie Paul Hörbiger, Hans Moser und Christiane Hörbiger haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Besonders interessant wird es bei den jüngeren Ehrengräbern. Hier wird nicht einfach ein Grabstein aufgestellt. Manche Grabmale sind kleine Kunstwerke, die etwas vom Wesen des Verstorbenen erzählen.

Er hat an Abgang gmacht,
Er hat die Patschn gstreckt,
Er hat a Bankl grissn,
er hat se niedaglegt,
Er hat se d‘ Erdäpfel von unt angschaut,
Er hat se sozusagn ins Holzpyjama ghaut.

Ein echtes Wienerlied, Roland Neuwirth

Falco – ein Grab wie seine Musik

Ehrengräber am Zentralfriedhof
Grab von Falco am Zentralfriedhof

Bei Falco fällt das besonders auf. Sein Grab gehört zu den auffälligsten und meistbesuchten am Zentralfriedhof. Ein roter Obelisk ragt in die Höhe, davor spannt sich eine gebogene Glasplatte mit seinem Abbild. Dazu kommt ein unbearbeiteter dunkler Stein. Drei Elemente, drei Seiten von Falco: der Star, sein Werk und der Mensch Hans Hölzel. Die ungewöhnliche Gestaltung passt erstaunlich gut zu einem Musiker, der selbst nie besonders viel vom Gewöhnlichen gehalten hat. Wer hier steht, hat unweigerlich seine Musik im Kopf. Und vielleicht denkt man sich: Viel Wienerischer als Falco kann ein Grab eigentlich kaum sein – auffällig, ein wenig extravagant und trotzdem unverwechselbar.

Udo Jürgens – der weiße Flügel

Grabmal von Udo Jürgens
Grab von Udo Jürgens

Nur ein Stück weiter begegnen wir Udo Jürgens. Sein Grab ist schon von weitem kaum zu übersehen. Statt eines klassischen Grabsteins liegt hier ein weißer Marmorflügel. Das Instrument wirkt zunächst beinahe so, als hätte jemand mitten auf dem Friedhof einen Konzertflügel abgestellt. Erst bei näherem Hinsehen wird klar, dass daraus das Grabmal des Sängers geworden ist. Der Flügel erinnert an den Musiker, der viele seiner Lieder selbst am Klavier begleitete, und macht aus der Ruhestätte eine sehr persönliche Hommage an sein Leben und seine Musik.

Manfred Deix – hier wacht der Katzenkönig

Der Katzenkönig, Grabmal von Manfred Deix
Der Katzenkönig, Grabmal von Manfred Deix

Ganz anders präsentiert sich das Grab von Manfred Deix. Auf einem dunklen Grabstein thront eine eigenartige Figur: der Katzenkönig mit menschlichem Körper und Katzenkopf, gekrönt von einer goldenen Krone. Eine steinerne Katze wacht hier über den Karikaturisten – und irgendwie könnte man sich kaum ein passenderes Grabmal für Manfred Deix vorstellen. Deix hat mit seinen bissigen Karikaturen gerne die österreichischen Eigenheiten aufs Korn genommen. Nun steht ausgerechnet auf seinem eigenen Grab eine Figur, die eher zum Schmunzeln als zum Trauern einlädt. Und genau das passt. Während andere Grabmale Würde und Trauer ausstrahlen, scheint der Katzenkönig ein letztes Mal zu sagen: Ganz so ernst nehmen wir das mit dem Tod dann doch nicht.

Arik Brauer – Kunst bis zum Schluss

Grabmal von Arik Brauer
Die Gräber von Arik Brauer und Franz West am Zentralfriedhof

Auch das Grab von Arik Brauer erinnert daran, wie eng Kunst und Leben in Wien miteinander verbunden sein können. Der Maler, Sänger, Dichter und Geschichtenerzähler war eine der unverwechselbaren Persönlichkeiten der österreichischen Kunstszene. Bei ihm müssen wir nicht lange überlegen, in welche Schublade er gehört. Brauer passte eigentlich in keine einzige. Seine Kunst war ebenso fantasievoll und eigenwillig wie seine Musik.

Franz West – Das rosarote Etwas

Grab von Franz West
Grabstätte von Franz West am Zentralfriedhof

Noch einmal ganz anders ist der Zugang bei Franz West. Der Künstler gehörte zu den bedeutendsten Vertretern der österreichischen Gegenwartskunst. Sein Grab fügt sich deshalb fast selbstverständlich in die Reihe jener Ruhestätten ein, bei denen wir uns fragen: Wo endet eigentlich das Grabmal und wo beginnt das Kunstwerk? Gerade bei Franz West passt diese Frage. Seine Kunst war häufig ungewöhnlich und manchmal irritierend.

Grab von Inge Konradi
Grab von Inge Konradi, die Omama aus der Weihnachtskomödie Single Bells

So könnte man noch lange weitermachen. Der Zentralfriedhof ist gewissermaßen ein begehbares Who-is-Who der österreichischen Kulturgeschichte. Wir müssen dabei gar nicht jedes Grab aufsuchen. Es reicht, immer wieder stehen zu bleiben und sich zu überlegen, welche Geschichten mit den Namen verbunden sind.

Eine schöne Leich gehört zum Wiener Leben

Ehrengräber am Zentralfriedhof

In Wien musst’ erst sterben, bevor sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst’ lang!

Helmut Qualtinger

Die besondere Beziehung der Wiener zum Tod findet sich auch in zahlreichen Wiener Liedern wieder, wie »Der Tod, das muss ein Wiener sein« von Georg Kreisler oder »Es wird a Wein sein, und mir wer’n nimmer sein« von Ludwig Gruber. Aber auch Humorvolles darf nicht fehlen: Andreas Vitasek witzelt etwa, dass der typische Wiener Tod darin bestünde, sich nach zwei Stelzen und ein paar Bier vor die Liliputbahn zu werfen!

Grab des Lyrikers Gert Jonke
Grab des Lyrikers Gert Jonke

„A schöne Leich“, ein prachtvolles Begräbnis mit Pompfüneberer und großer Trauergemeinde, zählt für Wiener noch heute zum krönenden Abschluss eines Lebens. Dafür werden auch gerne die letzten Ersparnisse geopfert – sehr zum Missfallen der potenziellen Erben, die ihr Erbe schwinden sehen.

Lueger Kirche am Zentralfriedhof

Luegerkirche am Zentralfriedho
Lueger Kirche am Zentralfriedhof

In der Zwischenzeit haben wir die Luegerkirche erreicht, die dem heiligen Karl Borromäus geweiht ist. Sie wurde nach den Plänen des Architekten Max Hegele zwischen 1908 und 1910 errichtet und gehört zu den markantesten Bauwerken des Zentralfriedhofs.

Kuppel der Karl Lueger Kirche
Die Kuppel der Karl Lueger Kirche

Schon von außen fällt die mächtige Kuppel ins Auge. Die Kirche verbindet Elemente des Jugendstils mit historischen und sogar ägyptisch anmutenden Formen. Wer die Kirche am Steinhof von Otto Wagner kennt, wird dabei gewisse Ähnlichkeiten entdecken. Kein Zufall, denn auch bei der Gestaltung der Luegerkirche zeigt sich die Aufbruchsstimmung der Wiener Architektur um 1900. Über die drei breiten Freitreppen gelangen wir in die rund drei Meter höher gelegene Oberkirche, darunter befindet sich die Gruftanlage.

Karl Lueger Kirche
Kirchenfenster der Karl Lueger Kirche am Zentralfriedhof

Auch im Inneren gibt es einiges zu entdecken. Wandmosaike, Glasfenster und zahlreiche kunstvolle Details machen die Kirche zu einem ungewöhnlichen Ort mitten in der Totenstadt. Besonders schön finde ich die große Kuppel, die dem eher ernsten Ort etwas überraschend Leichtes und Festliches gibt. Ihren ursprünglichen Namen Friedhofskirche zum heiligen Karl Borromäus erhielt sie erst 1911. Nach dem Tod des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger im Jahr 1910 wurde sie zunächst als Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche bezeichnet. Lueger selbst wurde in der Kirchengruft unter dem Hochaltar beigesetzt.

Luegerkirche am Zentralfriedho
Lueger Kirche am Zentralfriedhof

Ein kleines, aber bemerkenswertes Detail entdecken wir ganz oben an den Turmuhren: Statt der üblichen Zahlen stehen dort Buchstaben. Liest man sie der Reihe nach, ergeben sie die lateinischen Worte TEMPUS FUGIT – die Zeit flieht. Für eine Kirche auf einem Friedhof könnte die Botschaft kaum passender sein.

Und wonn i stirb, bitt´schön, möcht ich a Reblaus wieda werdn!

Die Reblaus, hans Moser

Vom Who-is-Who in eine andere Welt

Alter jüdischer Friedhof am Zentralfriedhof
Der alte jüdische Friedhof am Wiener Zentralfriedhof

Nachdem wir uns bei den Ehrengräbern durch das Who-is-Who des Wiener Kulturlebens gearbeitet haben, verlassen wir langsam den belebteren Bereich rund um die Ehrengräber und die Luegerkirche. Nun verändert sich die Stimmung. Vor uns liegt der alte jüdische Friedhof. Statt gepflegter Ehrengräber und großer Namen erwarten uns schmale Wege, verwitterte Grabsteine und ein beinahe verwunschener Wald. In diesem abgeschiedenen Teil des Zentralfriedhofs könnt ihr die Ehrengräber von Arthur Schnitzler, Friedrich Torberg oder Oscar Bronner entdecken.

Alter jüdischer Friedhof am Zentralfriedhof
Der alte jüdische Friedhof am Wiener Zentralfriedhof

Wann i amal stirb, müß’n mi’ die Fiaker trag’n und dabei Zithern schlag’n!

Allweil fidel, Heurigenlied

Abseits des Hauptwegs führen schmale Pfade durch einen lichten Wald mit verwitterten Grabsteinen, teils umrankt von Efeu und wilden Wein. Viele davon sind umgefallen und werden von goldgelbem Herbstlaub bedeckt. Die Inschriften sind kaum mehr lesbar. Auf manchen Grabsteinen kann man Symbole, wie einen Hirschen oder den siebenarmigen Leuchter, entdecken. Diese sollen auf den Namen, das Geschlecht oder den Beruf des Verstorbenen hinweisen.

Alter jüdischer Friedhof am Zentralfriedhof
Der alte jüdische Friedhof am Wiener Zentralfriedhof

Und auf mei’m Grabstein, da soll steh’n … a echt’s Weaner Kind, a Fiaker wie man‘ net alle Tag find‘.

Fiakerlied, Paul Hörbiger

Am Hauptweg erheben sich mächtige Gruftanlagen. Aber auch an ihnen nagt der Zahn der Zeit. Es gibt kaum Nachfahren, die die Gräber betreuen könnten. Viele starben in Konzentrationslagern oder konnten gerade noch rechtzeitig fliehen. Die wenigen Besucher des alten jüdischen Friedhofs legen statt Blumen kleine graue Steine auf die Gräber, ein alter jüdischer Brauch.

Alter jüdischer Friedhof am Zentralfriedhof
Der alte jüdische Friedhof am Wiener Zentralfriedhof

1879 wurde der jüdische Friedhof bei Tor 1 eröffnet. Bis 1916 fanden rund 80.000 Verstorbene hier ihre letzte Ruhestätte. Dann war dieser Bereich ausgelastet. In Folge wurde am östlichen Ende des Zentralfriedhofs ein weiterer jüdischer Friedhof errichtet. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verursachten Fliegerbomben und Kampfhandlungen schwere Schäden am alten jüdischen Friedhof. Mehr als 3.000 Grabstätten wurden dabei zerstört.

Alter jüdischer Friedhof am Zentralfriedhof
Der alte jüdische Friedhof am Wiener Zentralfriedhof

In den folgenden Jahrzehnten verwilderte der alte jüdische Friedhof zusehends. Erst um die Jahrtausendwende begann man beschädigte Gräber zu restaurieren und Grabinschriften zu erneuern. Dass der alte jüdische Friedhof noch erhalten ist, verdanken wir dem Umstand, dass jüdische Gräber »Häuser der Ewigkeit« sind. Diese dürfen niemals aufgelöst, verlegt, bebaut oder neu belegt werden.

Fazit

Wenn wir den Zentralfriedhof wieder verlassen, haben wir nicht nur einige berühmte Wiener besucht. Wir haben ein Stück Wiener Geschichte durchquert – zwischen Musik, Kunst, Architektur, jüdischer Geschichte und jener besonderen Wiener Beziehung zum Tod. Und vielleicht ist genau das das Bemerkenswerte an diesem Friedhof: Hier ist die Wiener Stadtgeschichte nicht im Museum, sondern liegt mitten zwischen den Bäumen und alten Grabsteinen.

Hinweis: Erstfassung Oktober 2024, umfassend aktualisiert und überarbeitet Oktober 2026